„Geburtsklinik wieder auf die Agenda setzen“

Artikel vom 10.11.2021

Christoph Reiprich

In der Helios-Klinik Wesermarsch in Esenshamm gab es zwei moderne Kreißsäle. Sie wurden im Februar 2019 geschlossen. Bild: Archiv

In der Wesermarsch gibt es keine Geburtshilfe mehr. Bei der Diskussion über die Zukunft der Kliniken im Landkreis müsse dieser Aspekt vorrangig beachtet werden, findet der Verein donum vitae

Über die Zukunft der beiden Krankenhäuser in der Wesermarsch wird seit Jahren diskutiert. In den vergangenen Monaten ging es dabei häufig um die in Aussicht gestellten Fördermittel für das Braker St.-Bernhard Hospital sowie mögliche Kooperationen zwischen der Klinik in der Kreisstadt und der Helios-Klinik Wesermarsch in Esenshamm. „Über einen wichtigen Punkt wird nicht mehr diskutiert: In der Wesermarsch gibt es keine Geburtshilfe mehr. Wenn es um die Situation der Krankenhäuser geht, sollte dieses Problem vorrangig mit behandelt werden“, fordert Mechthild Frenking, Leiterin der Geschäftsstelle vom Verein Frauen beraten – donum vitae Kreisverband Wesermarsch. „Das Thema Geburtsklinik muss wieder auf die Agenda gesetzt werden.“

Ein Blick zurück: Im Februar 2019 hat Helios die Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe trotz massiver Proteste der Bevölkerung geschlossen. Hebammen-Mangel sowie ein geringes Patienten-Aufkommen wurden als Gründe für diese Entscheidung herangezogen. Das St.-Bernhard-Hospital in Brake hat keine Geburtshilfestation, so dass in der Wesermarsch seit zweieinhalb Jahren keine Klinikgeburten mehr möglich sind.

Sieben Hausgeburten

Gebürtige Nordenhamerinnen und Nordenhamer sind seitdem selten. Nach der Schließung der beiden Kreißsäle hat es im Stadtgebiet sieben Hausgeburten gegeben, teilt das städtische Standesamt auf Nachfrage der NWZ mit. Alle anderen Kinder, die in Nordenham aufwachsen, haben einen anderen Geburtsort in ihrer Geburtsurkunde stehen. Mütter bringen ihren Nachwuchs in umliegenden Kliniken wie Bremerhaven, Varel, Oldenburg oder Cuxhaven zur Welt. Das bedeutet: Schwangere müssen immer längere Wege in Kauf nehmen, wenn sie ihr Kind zur Welt bringen. „Für Frauen, die nicht mobil sind, ist dieser Umstand eine noch größere Herausforderung – zumal wir ein ländlich geprägter Landkreis sind.“

„Schwangere vermeiden inzwischen, sich im Vorfeld in den umliegenden Kliniken mit einer Geburtsstation zu informieren. Sie fahren auf gut Glück mit Wehen in die Krankenhäuser, da sie als Notfall nicht abgewiesen werden dürfen. Für junge Familien, die sich hier in der Wesermarsch eine Zukunft aufbauen möchten, ist diese Situation alles andere als einladend“, sagt Mechthild Frenking. Sie und die weiteren Beraterinnen des Vereins wissen aus Gesprächen mit Schwangeren, dass die Kreißsäle zum Teil überfüllt seien.

An der Belastungsgrenze

„Die umliegenden Kliniken, die noch Geburtsstationen anbieten, arbeiten alle an der Belastungsgrenze und es wird für Schwangere zunehmend schwierig im Vorfeld zu planen“, kritisiert Mechthild Frenking. Bundesweit werden immer mehr Kreißsäle geschlossen, was die Situation verschärft. „Es kann nicht sein, dass geburtshilfliche Abteilungen aus finanziellen Gründen aufgegeben werden. Der Landkreis muss alles daran setzen, dass es in der Wesermarsch wieder möglich ist, Kinder zur Welt zu bringen“, fordert Mechthild Frenking. Personalmangel lasse sie nicht als Grund für die Schließung gelten. „In der Helios-Klinik Wesermarsch haben mehrere Hebammen gearbeitet.“

Unbefriedigend sei auch, so Mechthild Frenking, dass es in der Wesermarsch auch keine Abteilung für Frauenheilkunde mehr gibt. „Das bedeutet, dass Frauen für bestimmte Operationen ebenfalls lange Wege auf sich nehmen müssen.“

DONUM VITAE

Der gemeinnützige Verein „Frauen beraten – donum vitae“, Kreisverband Wesermarsch, bietet seit der Gründung im Jahr 2000 umfassende Beratung und Begleitung für schwangere Frauen, werdende Väter und Alleinerziehende an. Der Verein hat das Ziel, Schwangeren, jungen Müttern und Vätern eine optimale Beratung zu allen Fragen der Schwangerschaft, Geburt und dem Leben mit dem Kind anzubieten. Die Beraterinnen sind ausgebildete Fachkräfte und Gespräche sind auch mit Dolmetscherinnen verschiedener Sprachen möglich. Das Beratungsangebot ist kostenlos und kann anonym in Anspruch genommen werden.


 

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