Kinderschutzbund in Brake alarmiert – Ängste und Unsicherheiten nehmen zu

Artikel vom 27.03.2024

Merle Ullrich

Die Zahl der Beratungen im Kinderhaus „Blauer Elefant“ des Kinderschutzbundes Brake hat im vergangenen Jahr erneut zugenommen. Bild: Merle Ullrich

Der Beratungsbedarf beim Kinderschutzbund Brake ist gestiegen, das geht aus der Jahresbilanz hervor. Die Zahl der Hilfesuchenden stieg von 282 im Jahr 2022 auf 308 im Jahr 2023.

Brake - Der Beratungsbedarf steigt in der Wesermarsch, denn Ängste und Unsicherheiten machen auch im Landkreis nicht vor Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern halt, weiß Diplom-Psychologe Jens Pannemann, Leiter des Kinderhauses „Blauer Elefant“ des Kinderschutzbundes Brake.

Im vergangenen Jahr waren 308 Hilfesuchende in der Beratung im Kinderhaus in Brake. Das sind 26 Personen mehr als im Jahr 2022 mit 282 Personen. Damit setze sich die Tendenz der vergangenen Jahre fort, berichtet der Diplom-Psychologe. Neben der Zahl von „Kurzkontakten“, bei denen die beiden Berater des Braker Kinderhauses in Notfällen eine Art „erste Krisenhilfe“ leisten, steige auch die Beratungsdauer von regulären Klienten, berichtet Pannemann. Beratungen dauerten aufgrund der Komplexität der Themen nun oft ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr.

Jugendliche Täter

Neben der Familienberatung ist die Zahl von Beratungen von jugendlichen Tätern deutlich gestiegen. Die Jugendlichen kämen in der Regel über das Jugendamt in die Beratung. Neben Gewalt untereinander übten die jugendlichen Täter immer öfter auch Gewalt gegenüber Ordnungskräften wie der Polizei aus, berichtet Pannemann. Es sei eine Hemmschwelle verloren gegangen. Die Impulskontrolle sei zunehmend gestört, sagt er.

Viele Täter sähen sich dabei als eine Art „Robin Hood“, die gegen – ihrer Meinung nach – ungerechtfertigte Gewalt von Ordnungskräften rebellierten. „Die Täter meinen, sie sind auf der Seite der Guten und der Unterdrückten“, erläutert Pannemann. Zuschauer, die über das Smartphone allgegenwärtig sind, befeuerten dieses Verhalten oft. Das sei ein Phänomen, das schon aus dem Mobbing bekannt sei. Denn „Täter haben oft ein geringeres Selbstwertgefühl, das sie über Gewalttaten kompensieren“, erklärt der Diplom-Psychologe.

Angststörungen und Depressionen, Schule schwänzen und erhöhter Medienkonsum seien noch immer als Folgen der Corona-Pandemie erkennbar. „Kinder und Jugendliche gehen nicht mehr raus“, dadurch verlernten sie, direkten Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, erklärt der Psychologe.

Unsicherheit der Eltern

Dauerthemen in der Beratung von Eltern sind finanzielle Nöte und Kinderarmut, berichtet Pannemann. Auch Trennung und Scheidung seien häufige Gründe für Beratungen. Wachsen bei Eltern Ängste und Unsicherheiten, geraten die Bedürfnisse des Kindes oft aus dem Blick, weiß Pannemann. Erziehungsratgeber widersprechen sich, es gebe keine Normierung, kein „Schema F“ in der Erziehung. Das verstärke die Unsicherheit der Eltern.

Erziehungsunsicherheiten führten oft dazu, dass Eltern gar nicht oder überreagierten. Ziel der Beratungen sei es, die Eltern zu unterstützen, logische Konsequenzen zu entwickeln. Denn die Berater wissen, die Eltern „geben ihr Bestes“. Überreaktionen oder negative Sanktionen würden nicht aus Spaß vorgenommen, sondern seien ein Ausdruck von Hilflosigkeit, diese gelte es in der Beratung zu überwinden, sagt Pannemann.

Ein über die vergangenen Jahre wachsendes Thema sei auch das sogenannte Cyber-Grooming, also sexuelle Übergriffe über das Internet. Projekte an Schulen hätten gezeigt, dass viele Jugendliche sich dieses Phänomens durchaus bewusst seien, in konkreten Situationen ließen sie sich dennoch häufig blenden. Die Täter schaffen oft erst Vertrauen, wirken unverbindlich und harmlos, bis die Jugendlichen wie in einem „Spinnennetz“ verwoben sind, erläutert der Diplom-Psychologe.

Hinzu komme, dass der Bereich der sexuellen Gewalt oft stark mit Scham besetzt sei. Oft kommen diese Fälle erst im späteren Verlauf der Beratungen zum Vorschein.


 

Blaulicht-Ticker

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