Sterbenskranker will motivieren

Artikel vom 04.10.2021

von Florian Mielke

DER STERBENSKRANKE HOLGER DRAAK, DER BEIM ATMEN HILFE VON EINER MASCHINE BRAUCHT, GAB TIEFE EINBLICKE IN SEIN LEBEN. ER SAGT: SILKE MERTENS VOM AMBULANTEN HOSPIZDIENST BEREICHERT ES SEHR. BILD: FLORIAN MIELKE 

Holger Draak rät dazu, sich vom Hospizdienst helfen zu lassen

„Das Wort Hospiz ist für viele ein Tabu, weil es mit Tod gleichgesetzt wird. Es kann den Menschen aber auch Hoffnung geben“, sagt Holger Draak aus Berne, der an unheilbarem, inoperablem Lungenkrebs erkrankt ist und anlässlich des Welthospiztags am 9. Oktober seine Erfahrungen teilen möchte. Wie lange er noch leben wird, könnten ihm die Ärzte nicht sagen.

Seine Stimme ist heiser, weil ein Tumor, der sich auf die Lunge ausgeweitet hat, auf seinen Stimmapparat drückt. Unter seiner Nase hängt ein dünner, durchsichtiger Schlauch, der zur Unterstützung der Atmung an ein Gerät angeschlossen und so lang ist, dass der 63-Jährige sich damit im Erdgeschoss seines Hauses bewegen kann. Um sein Handgelenk trägt er einen Notfallknopf. Für draußen hat er einen „normalen“ und einen elektrischen Rollstuhl sowie ein Sauerstoffgerät mit einer Kapazität von vier Stunden.

Schlimme Einsamkeit

Er habe sich nach der Erkrankung, die im Juli 2020 durch die Heiserkeit diagnostiziert wurde, sehr einsam gefühlt, weil viele Menschen extrem auf Abstand gegangen seien: „Manche Leute, die ich kannte, haben nicht einmal mehr ‚Moin‘ gesagt.“ Das sei psychisch sehr belastend gewesen: „Ich hatte Gedankengänge wie: ‚Was sollst du noch hier? Es wäre besser, wenn du sterben würdest.‘“ Seine Ex-Frau und seine drei erwachsenen, „tollen Kinder“ hätten sich zwar um ihn gekümmert. Die meiste Zeit sei er aber trotzdem mit seiner Münsterländer Border-Collie-Hündin Anna allein gewesen.

Dabei sei er eigentlich ein lustiger Typ: „Ich kann nur gerade nicht lachen, weil mein Gebiss zur Überholung beim Zahnarzt ist“, sagt Holger Draak augenzwinkernd. Um der Einsamkeit entgegenzusteuern, wandte er sich an den ambulanten Hospizdienst der Diakonie Wesermarsch: „Ich wollte eine Begleitung haben, mit der ich mich über alltägliche Dinge unterhalten, Spaß haben und Musik hören kann.“

Begleitung seit Juni

Seit diesem Juni trifft sich der 63-Jährige zweimal wöchentlich mit Silke Mertens, die Sterbenskranke seit 2017 ehrenamtlich begleitet und zufällig in der Nähe wohnt. „Das sind ganz tolle Stunden, die wir verbringen. Mit meinem E-Rolli fahren wir dann zum Imbiss an der Fähre und essen da ’ne Pommes“, erzählt Holger Draak. „Das ist unser Ritual“, ergänzt die 59-Jährige. „Und wenn wir wiederkommen, trinke ich ein Hefeweizen und Holger eine Weinschorle, wir spielen Karten und reden uns die Köppe heiß über Werder Bremen.“ „Und Politik“, sagt Holger Draak. „Das ist ganz wichtig.“

Zwischen ihnen habe es sofort gepasst, sagen die beiden, die sich vorher nur vom Sehen kannten. Es sei für ihn ein „ganz, ganz großes Glück“ vom Diakonischen Werk und zwei Pflegediensten unterstützt zu werden, sagt Holger Draak: „Das sind ganz tolle Leute, die einen aufbauen. Es sollten viel mehr Menschen in Betracht ziehen, sich an den Hospizdienst zu wenden, weil er sie positiv beeinflussen und mit Rat und Tat zur Seite stehen kann.“ Familienangehörigen könne so ebenfalls geholfen werden.

Aber auch sie profitiere von dem reichen Erfahrungsschatz, den Menschen wie Holger Draak mit ihr teilen, berichtet Silke Mertens. Diese zu begleiten, sei für sie nicht belastend: „Es ist mir eine Freude und ich bin ein positiver Typ. Für mich ist der Hospizdienst keine Sterbe-, sondern eine Lebensbegleitung.“


 

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