Über 40 Jahre lang wurden die Menschen mit Gesang begeistert

Von Henning Karasch

Im Fernsehen sangen die „Friedeburger Jungs“ in Sendungen wie „Lieder so schön wie der Norden“. FOTO: Karasch

Seit 1980 ist der Shanty- und Unterhaltungschor „Friedeburger Jungs“ musikalischer Botschafter Ostfrieslands und inzwischen bundesweit bekannt.  Von sieben Gründungsmitgliedern, drei bis heute aktiv, stieg die Anzahl der Sänger zu besten Zeiten in den ersten 20 Jahren auf fast 30 Personen aus Friedeburg, aber auch aus Wittmund, Jever und Bockhorn. Als sich aber vor zwei Jahren abzeichnete, dass nur noch mit acht Sängern plus Aushilfen der „Schlicktown Singers“ aus Wilhelmshaven gesungen werden konnte, fiel der Entschluss, die „Friedeburger Jungs“ aufzulösen.  Das sagen der musikalische Leiter und seit 2012 Vorsitzende Hermann Müller und Bodo Klinke, der sich rund 30 Jahre als Manager um Buchungen von Konzerten und Quartieren kümmerte.
Ihren Anfang, blicken Hermann Müller und Bodo Klinke zurück, nahm die unglaubliche Erfolgsgeschichte der „Friedeburger Jungs“ am Lagerfeuer zum Jahresfest der alten Herren des TuS Strudden im Herbst 1979. Hermann Müller spielte Akkordeon, und alle sangen mit.
Der gebürtige Bergisch-Gladbacher, Klarinettist beim Marinemusikkorps Nordsee, war gerade nach Friedeburg gezogen. Er lernte mit zehn Jahren Akkordeon und Heimorgel zu spielen, macht Tanzmusik, seit er 14 Jahre alt ist, seit mittlerweile 45 Jahren mit den „Roulettes“. Auf Silberhochzeiten spielt die fünf- bis sechsköpfige Combo bis 5 Uhr morgens.
Bodo Klinke stammt aus Ostniedersachsen, sang früher im Marinechor Eckernförde und kam 1964 nach Friedeburg. Eine Woche nach besagtem Jahresfest, erinnert er sich, trafen sich die Sänger zur ersten Probe. Hermann Müller gab die Parole aus, jedesollte künftig jemanden mitbringen. Das klappte sehr gut. Damals waren die Sänger Mitte bis Ende 30, und wenn einer eine Flamme kennenlernte und dem Chor fernblieb, wie Bodo Klinke sagt, kam ein neuer Sänger hinzu. Erster begeistert bejubelter Auftritt war zum Friedeburger Feuerwehrball im März 1980. Die „Friedeburger Jungs“ hatten stets sieben bis acht tolle Vorsänger.
So sang Bäckermeister Harro Saathoff besser als Freddy Quinn, finden Hermann Müller und Bodo Klinke. Werbung brauchte man nicht, es sprach sich rum. 1997 konnten die „Friedeburger Jungs“ den bekannten Elvis-Presley-Interpreten Michael Runck in ihren Reihen begrüßen. Leider kam keiner ihrer Söhne mit zu den Proben, Zeitungsaufrufe und Interviews bei Radio Jade brachten nichts, und so wurde das Singen in letzter Zeit immer schwieriger. Irgendwann kriegt einen die Zeit ein, bringt es Hermann Müller auf den Punkt.
Bei rund 45 Auftritten im Jahr mussten ihre Familien oft auf sie verzichten, erklären Hermann Müller und Bodo Klinke. Daher feierten die „Friedeburger Jungs“ auch gern Jahresfeste und unternahmen Tagestouren mit Angehörigen. Da im Sommer ein Auftritt dem andern folgte, wurde irgendwann nur noch im Winterhalbjahr donnerstags von 20 Uhr bis 22 Uhr geprobt. Etwa 180 Lieder, von denen 40 bis 50 ständig im Repertoire sind, füllen zwei dicke DIN A4-Ordner. Die Bandbreite reicht von Shantys und Seemannsliedern über Wanderlieder, Irish Folk und Gospel bis zu Schlagern und Karibiksongs, Hochdeutsch, Plattdeutsch und Englisch. Gesungen wurde immer auswendig, betont Hermann Müller. Er begleitete am Akkordeon, Harald Kletzsch spielte Schlagzeug, Volker Thomas Gitarre und Dirk Meinen Bass. Das einzigartige Zusammenspiel von Chor und Band, ein echtes Novum, sorgte dafür, dass die Fans den „Friedeburger Jungs“ nachreisten und ihren Urlaub nach deren Auftritten legten. Es gab regelmäßige Auftritte in Bensersiel, Neuharlingersiel, Carolinensiel, im Kurgarten Horumersiel, im Kurpark Wilhelmshaven sowie beim Blütenfest in Wiesmoor. Jährlich reisten die „Friedeburger Jungs“ in die Kaiserbäder auf Usedom. Einmal sangen sie sogar in seiner Taufkirche, erzählt Hermann Müller. Sie waren Ostfrieslands musikalische Visitenkarte im Schwarzwald, in der Pfalz und in Kaltern in Südtirol, wo sie vor 4000 Gästen ihren größten Auftritt hatten. Für Feiern bis ins Ruhrgebiet wurden sie gebucht. Die Technik lag bei Instrumentenwart Gerd Weber und seinen Leuten. Für Konzertfahrten wurden möglichst Wochenenden genutzt. Zu einer USA-Tournee kam es leider nicht, sagt Bodo Klinke. Dafür schenkten sich die „Friedeburger Jungs“ zum 25-jährigen Bestehen eine Türkeireise mit zwei Booten die lykische Küste entlang. In Seglerhäfen fanden sie in den meist westeuropäischen Gästen begeisterte Zuhörer. „Dat Du mien Leevsten büst“ kam auch fern der Heimat sehr gut an.
Im Fernsehen sangen die „Friedeburger Jungs“ in Sendungen wie „Lieder so schön wie der Norden“, „Freut Euch des Nordens“ und „Lüders Krug“, trafen Heino, Freddy Breck und Mary Roos. Mit dem Lied „Mien Ostfreesland“ hielt sich der Chor fünf Wochen auf Platz eins der volkstümlichen Hitparade von Radio Bremen. Die ersten drei von insgesamt sieben aufgenommenen Tonträgern waren Schallplatten. Die erste Schallplatte verkaufte sich 1983 in einer Woche 700mal, denn jeder Sänger bekam zwei Stapel davon mit je 30 Stück unter den Arm geklemmt und brachte sie unter die Fans, wie Bodo Klinke sagt. Später wurden bei einem Auftritt allein 110 CDs verkauft. Die Gäste standen schon vor dem Konzert am CD-Stand Schlange. Zum 30-jährigen Bestehen gab es eine Doppel-CD.
In die Aula der Schule Altes Amt Friedeburg kamen zu Auftritten von Freitag bis Sonntag jeweils über 600 Gäste. Es mussten Stühle aus Klassenräumen geholt und anschließend wieder nach Größe sortiert werden, erinnert sich Hermann Müller. Als Dank für ihre Teilnahme am Bockbieranstich in Jever stellte ihnen die Brauerei einen Bierpavillon mit zwei Fässern Bier in die Aula. Die „Friedeburger Jungs“ sangen auch mit Shantychören aus Köln, Herford und Berlin auf Chortreffen in Cuxhaven und Bensersiel. Sie waren die Einzigen, die neben Shantys auch Elvis Presley im Programm hatten.
Zuhause sangen die „Friedeburger Jungs“ fünf- bis sechsmal jährlich Benefizkonzerte für die Seemannsmission in Leerhafe oder die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Neuharlingersiel sowie auf Seniorennachmittagen in Wittmund, oft im Advent. Auch ihr Abschiedskonzert soll, falls Corona das zulässt, im Advent sein. Der erste Auftritt der „Friedeburger Jungs“ nach über einem Jahr ist dann zugleich der letzte. Auf die Ankündigung, aufzuhören, gab es viele Zuschriften und Anfragen, wo es Karten fürs letzte Konzert gebe.Der 1996 eingetragene Verein ist bereits gelöscht. Die CDs sind ausverkauft. Noten behält der musikalische Leiter. Es bleiben fünf Umzugskisten mit Kleidung, Plakaten und Autogrammkarten. Hermann Müller hört im Auto CDs der „Friedeburger Jungs“, wenn er zu den „Schlicktown Singers“ fährt, um dort Akkordeon zu spielen. Viele gefeierte Auftritte mit schönen Liedern, von denen ihnen „Der Junge von St. Pauli“ und „Mien Ostfreesland“ die Liebsten sind, behalten Bodo Klinke und Hermann Müller in Erinnerung.


 

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