Die Tanzfiguren sind weltweit gleich

Artikel vom 09.11.2021

Von Henning Karasch

Die Begeisterung für Square Dance begann für den gebürtigen Hildesheimer Jens Klusmann 1971 während seiner Ausbildung zum Rundfunk- und Fernsehtechniker. Foto: Karasch

Wilhelmshaven. Jens Klusmann ist gerade von einer Callerschulung zurück, die der 67-Jährige mit einer Kollegin seit 20 Jahren in Schleswig-Holstein anbietet.
Er leitete 19 Jahre lang die Callerausbildung der Sportjugend Niedersachsen.
Der Caller ist der Ansager beim Square Dance. Im Sprechgesang gibt Jens Klusmann den Ocean Wave Square Dancers (OWSD) in Wilhelmshaven, die dort sonntags ab 18.30 Uhr Tanzabend haben, die Figuren an. Tanzen könne man zu jeder Musik, von Helene Fischer bis Hip Hop. Nur Walzer eigne sich nicht dazu, sagt Jens Klusmann.
Die OWSD dürfen seit Ende Mai wieder tanzen, nachdem im Sommer 2020 nach zwei Monaten Schluss war. Wer den Square Dance mit vier Paaren im Quadrat ausprobieren möchte, ist heute Abend in der Grundschule am Wiesenhof herzlich dazu eingeladen.
Die Begeisterung für Square Dance begann für den gebürtigen Hildesheimer Jens Klusmann 1971 während seiner Ausbildung zum Rundfunk- und Fernsehtechniker.
Da er in seiner Freizeit gerne am Tisch saß, um zu basteln und zu löten, nannte ihn seine Schwester einen Stubenhocker. Das wollte Jens Klusmann nicht auf sich sitzen lassen und ging mit zu ihrer Volkstanzgruppe. Die junge Gruppe tanzte deutsche, italienische, türkische oder israelische Tänze und Square Dance. Die Cloverleaves Square Dancer aus Hannover, die er daraufhin kennenlernte, zogen ihn in ihren Bann. Da Jens Klusmann gerade den Führerschein gemacht hatte, tanzte er dort mit. Nur für ihn wurde zwar keine Class, die Grundausbildung, angeboten. Er konnte aber jederzeit nachfragen. Zu diesem Club hat Jens Klusmann immer noch Kontakt.
Nachdem er 1974 ausgelernt hatte, ging Jens Klusmann zur Marine und kam innerhalb eines Ausbildungsprogramms als einer von vier Deutschen auf einen Stützpunkt nach Texas. Dort lebten 60 000 Menschen, 5000 von ihnen waren Schüler aus dem Iran, dem Irak, Brasilien und vielen weiteren Staaten. Es gab eine fünfspurige Einfahrt, Bowling- und Einkaufszentren und einen Club, vor dessen Tür eines Abends zum Square Dance eingeladen wurde. Das Tanzlevel sei das gleiche wie in Hannover gewesen, erinnert sich Jens Klusmann. Und das Fantastische am Square Dance sei, dass die Calls international gleich sind, da sie durch das US-amerikanische Callerlab genormt wurden. Nach der Class und Graduation könne man weltweit die 68 Mainstream-Figuren anwenden. Der Dame, die Jens Klusmann an diesem Abend aufforderte, konnte er zwar nicht sagen, dass er Square Dance beherrschte, aber er konnte es ihr beweisen. Von da ab sei Square Dance überall sein Türöffner gewesen, ob in den drei Monaten in Texas oder nahe Chicago, in dem halben Jahr in Virginia oder in Kiel.
 Jedes Wochenende war er zum Square Dance eingeladen. Dabei seien Herkunft und Aussehen egal, versichert Jens Klusmann. Wettbewerbe gab es in den USA, sie seien aber unüblich.
Auf Umwegen kam Jens Klusmann mit seiner Familie nach Wilhelmshaven. Ihre Nachbarn waren eine Familie, die gerade vier Jahre in Florida verbracht hatte und ebenfalls begeistert vom Square Dance war. In deren Stube entstand 1984 die Idee, einen eigenen Club, die Ocean Wave Square Dancers, benannt nach einer Tanzfigur, zu gründen. Als Caller konnte der Manager des Offiziersclubs Bremerhaven, ein früherer US-Offizier, gewonnen werden. Jeden Sonntag war fortan Class. Jens Klusmann lief jedoch während der Class mit seinem Schiff aus und war auch zur Graduation nicht da. Dann erkrankte die Schwiegermutter des Callers in Berlin. Er zog mit seiner Ehefrau dorthin, fuhr aber noch vier Monate lang zum Tanzabend nach Wilhelmshaven. Als die OWSD dies nicht mehr finanzieren konnten, war die Entscheidung, aufzuhören oder aus den eigenen Reihen einen Caller auszubilden. Zu viert absolvierten sie 1985 ihre erste Callerschulung. Seine Seefahrtszeit war gerade zuende, erinnert sich Jens Klusmann. Da sein Kollege verzog, übernahm er das Calling, anfangs mit einer Frau zusammen, die nach Oldenburg zog.
Erst sei das Calling etwas ruckelig gewesen. Dann habe er seinen Horizont erweitert. Ein Caller aus Bonn vermittelte Jens Klusmann an einen US-Amerikaner. Bei ihm besuchte er insgesamt 17 einwöchige Callerschulungen.
Anfangs wurde in der Helene-Lange-Schule, dann in der Hauptschule in der Mitscherlichstraße getanzt. Als es ihnen zu teuer wurde, den Hausmeister fürs Aufschließen zu bezahlen, wechselten die Square Dancer in die Grundschule am Wiesenhof. Sie erhielten den Schlüssel für die Pausenhalle. Erst die Corona-Pandemie, in der die Pausenhalle als Lehrerzimmer dient, trieb die OWSD nebenan in die Sporthalle. Der Tanzabend am Sonntag erweise sich als Glücksfall, sagt Jens Klusmann. Dann wollen kaum Sportvereine trainieren. Außerdem konnten die jungen Tänzerinnen und Tänzer ihre Kinder mitbringen.
Neben Jens Klusmann gibt es ein weiteres Gründungsmitglied bei den OWSD sowie einen harten Kern derer, die nach der ersten Class und Graduation ein Jahr nach Clubgründung dabeiblieben. Jens Klusmanns drei Kinder tanzten bis Mainstream Plus, später auch den US-Stepptanz Clogging. Doch irgendwann änderten sich deren Interessen.
Die Stimmung bei den OWSD sei so gut, dass auch Oldenburger nach ihrer Graduation hierblieben, obwohl es auch dort Square Dance gibt.
Die 42 aktiven Tänzerinnen und Tänzer kommen aus Zetel, Varel, Schortens, dem Wangerland und Aurich zum Tanzabend. Kürzlich wurde eine Zwölfjährige nach anderthalb Jahren Ausbildung graduiert.
Ein Square, erklärt Jens Klusmann, ist immer so gut wie ihr schwächstes Glied. Beim Calling komme es zu 30 Prozent auf Technik an. Der Rest sei Menschenführung. Lautsprecher, Verstärker und Laptop mit den Titeln bringt Jens Klusmann mit. Der Laptop enthält in Endlosschleife die Pattern Calls, wozu sich Santiano besonders gut eignet. Den Pattern Calls folgen Singing Calls. Ein Tip aus Pattern und Singing Call dauert 15 Minuten. Die Tanzenden müssen abschließend wieder im Quadrat stehen.
Anfangs kam die Musik von einem US-Plattenspieler, der extrem in der Geschwindigkeit verstellbar war. Dann kamen CD- und Minidiskplayer auf, denen der Plattenspieler als Verstärker diente, erklärt Jens Klusmann, der 20 Jahre lang Programmierer beim Kommando Marineführungssysteme war. Er callt auch in Oldenburg, wo er mittlerweile lebt, und in Delmenhorst Mainstream Plus, Advanced I und II. Als seine Partnerin Advanced-Level tanzen wollte, der Caller aber verstarb, übernahm Jens Klusmann nach nur einer Woche Vorbereitung dessen Aufgabe.
Die Tanzenden lernen keine Choreografien. Diese entstehen durch das Calling. Die Square Dancer sollen sich mit den Singing Calls identifizieren, ob Polka, Tango, Slowfox oder Techno. Tänzerwünsche gibt es selten. Stimmlage und Tonhöhe des Callers sind entscheidend. Die Teilnehmer möchten gut dazu laufen können, also muss der Rhythmus stimmen. Angefangen wird immer mit etwas Leichtem mit Rhythmus.
Callt er Mainstream, ist Jens Klusmann gedanklich stets fünf bis sieben Figuren im Voraus. Bei höheren Leveln sei mehr Konzentration gefragt. Die folgende Figur muss stets die Endformation der vorherigen als Start haben. Nie wird lange mit demselben Partner getanzt. Sequenzen sollten sich nicht oft wiederholen.
Besondere Tanzkleidung sei gern gesehen. Frauen tanzen Männerparts entweder, weil sie keine Röcke tragen mögen, oder weil Männer fehlen. Nur in wenigen Figuren tanzen Männer und Frauen unterschiedlich. Es könne beim Square Dance niemand sagen, es nicht zu können, meint Jens Klusmann.
Über seinen Tanzlehrer aus Hannover kam Jens Klusmann an den Square Dance Club der Sportjugend Niedersachsen, der sich fünfmal im Jahr trifft. Da ihn Menschenführung interessiert, sah er sich ein Wochenende an, schrieb ein Ausbildungskonzept und stieg in die Ausbildung ein. Die Callerausbildung mit der Kollegin in Schleswig-Holstein läuft drei- bis viermal im Jahr. Da das Wochenende mit vier Unterrichtsblöcken wenig Zeit lässt, werden Aufgaben drei Monate vorher versandt. Da die sechs Teilnehmer aus ganz Deutschland auf der letzten Fortbildung zu wenige waren, um tanzen zu können, brachte die Kollegin ihren Ehemann und zwei Externe mit. Auch Jens Klusmanns Partnerin kam schon zu Schulungen mit.
Viele Jahre lang waren die OWSD für ihren Schlickdance mit 130 bis 150 Gästen berühmt. Dann callte Jens Klusmann mit einem Gastcaller.
Doch die Entscheidung, das dreitägige Ereignis am Südstrand aufzugeben, fiel schon vor Corona. Der Aufwand, vorher Steine aus dem Watt zu sammeln, Bühnenteile zu tragen und Dekoration aufzuhängen, wurde zu groß. Die OWSD tanzten bei der Eröffnung der Nordseepassage, erinnert sich Jens Klusmann gern. Werbung per Handzettel bringe wenig. Von 5000 Handzetteln im Stadtteil kam nur einer zurück, weil eine Mutter auf der Rückseite die Entschuldigung für ihr Kind notierte.
Standardtänze lernte Jens Klusmann als Schüler und kann sich heute, wie er sagt, im Marine-Einheitsschritt zügig zur Musik bewegen. In der Stadt ist er oft auf dem Rad unterwegs, oder er unternimmt Motorradtouren. Gerne würde er erneut eine Square Dance Class starten


 

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