„Willkommen zur Kaiserkrönung“

Von Henning Karasch

Katharina Nawratil, die die fürstliche Beamtengattin Johanna Charlotte von Bernstedt darstellt, und Frauke Büsing-Gerdes, die in die Rolle der Trienke Marie Eden schlüpft, haben ihre Figuren genau recherchiert. FOTO: Karasch

Wir schreiben das Jahr 1763. Im Juli wird Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst zur Kaiserin Katharina II., der Großen, gekrönt.
Auch Jever, regiert durch das Fürstenhaus Anhalt-Zerbst, feiert mit Ball, Fackelumzug und Spruchbändern über den Straßen dieses Ereignis. Frauke Büsing-Gerdes und Katharina Nawratil, beide Gästeführerinnen mit Stern, haben dazu die inszenierte Kostümführung „Willkommen zur Kaiserkrönung“ erdacht. Gäste können alle 14 Tage donnerstags oder nach Absprache an dieser Stadtführung teilnehmen. Sie ist nicht nur informativ, sondern in erster Linie unterhaltsam und setzt keine geschichtlichen Vorkenntnisse voraus. Im Herbst 2020 fanden bereits zehn Kostümführungen statt.
Katharina Nawratil, die die fürstliche Beamtengattin Johanna Charlotte von Bernstedt darstellt, und Frauke Büsing-Gerdes, die in die Rolle der Trienke Marie Eden schlüpft, haben ihre Figuren genau recherchiert. Sie benehmen sich genauso, wie es Anno 1763 gewesen sein könnte.
So geigen sie sich die Meinung, schließlich gehören sie unterschiedlichen Ständen an und passen nicht in das Denken der jeweils anderen. Dies ist schon an den Vornamen hörbar, nur dass sich Trienke Marie Eden als Frau eines wohlhabenden, erbberechtigten Bauern nicht die Butter vom Brot nehmen lässt.
Die Wahrscheinlichkeit des Aufeinandertreffens war 1763 durchaus gegeben.
Die Wohn- und Familiensituation beider Damen wurden überlegt, auch, was sie als Frauen des 18. Jahrhunderts wissen und sagen durften.
So haben beide zum Beispiel das Edo-Wiemken-Denkmal in der Stadtkirche nie gesehen, denn dies war den Fürsten vorbehalten. Während Katharina Nawratil auf eine Brille verzichtet, hat Frauke Büsing-Gerdes sich ein altmodisches Modell zugelegt. Autos, die auf dem innerstädtischen Kopfsteinpflaster eine starke Geräuschkulisse bilden, nehmen die Damen nicht wahr, weil es sie ja 1763 nicht gab. Buchbar sind die Kostümführungen ganzjährig. Viele Einheimische und Bürgermeister Jan Edo Albers liefen mit und ließen sich von der spannenden Geschichte gefangen nehmen. Bänke an den Straßen und in der Stadtkirche bieten zwischendurch Sitzgelegenheiten, so dass die Führung sich auch für Senioren eignet.
Die Gäste werden zur Krönungsfeier im Hof des Schlosses begrüßt. Krähenflecken gab es auf den von der Stadt bezahlten Kostümen, die im Graftenhaus angelegt werden, zum Glück noch nicht.
Ersatzkostüme sind nicht vorhanden, aber im 18.Jahrhundert wurde auch nicht täglich gewaschen, sagt Frauke Büsing-Gerdes. Die zänkischen Damen erklären die Türme des Schlosses, wobei Johanna Charlotte von Bernstedt Verständnis dafür zeigt, dass Menschen eingekerkert werden.
Sie laufen vorbei am Amtsgericht, das damals noch einstöckig war, zum Rathaus und erzählen Geschichten zum Hafen, der 1763 noch existierte.
Auch zum Wüppgalgen haben die beiden Damen etwas zu berichten. Natürlich werden auch die Pütten einbezogen. Die Geschichte Fräulein Marias, die 1763 schon fast 200 Jahre tot war, lasse Teilnehmende verklärt blicken wie bei Rosamunde Pilcher. Auch über die jeversche Elle wird berichtet. Manche Gäste seien erstaunt, dass Jever nicht nur Bier sei.
Bei Text und Laufweg wurde die Zeit anfangs gestoppt. Es soll aber nicht getaktet wirken. Stichworte geben den Einsatz der Texte, in die sich Frauke Büsing-Gerdes und Katharina Nawratil nach der Coronapause seit Oktober wieder einarbeiten mussten.
2020 gab es keine Führungen im Schloss, wohl aber im Schlosspark, wo beide wegen der Ruhe gerne sind.
Frauke Büsing-Gerdes‘ Figur stammt wie sie selbst aus Middoge. Trienke Maries Ehemann Lübbo Eden war Deputierter des Kirchspiels an der Harlebucht.
Nur der originale Vorname gefiel der Gästeführerin nicht, weshalb sie nach der Mutter des Orientforschers Ulrich Jasper Seetzen Trienke Marie benannt wurde. Der Vater von Frauke Büsing-Gerdes war Lehrer und Heimatkundler. Vieles von dem, was er sagte und notierte, sieht seine Tochter nun in einem anderen Licht. Frauke Büsing-Gerdes liest gerne historische Romane und durch ihre Ausbildung zur Gästeführerin hat sie einen ganz neuen Bezug zur friesischen Geschichte bekommen.
Früher im Geschichtsunterricht in der Schule waren die Griechen und Römer stets weit weg. Die Jeveraner stellten sich bei genauerer Beschäftigung mit ihnen als großartiges Völkchen heraus.
Katharina Nawratils Vater war Restaurator, weshalb die gebürtige Stuttgarterin, die seit 20 Jahren in Jever lebt, mit ihren Eltern oft in Museen und Kirchen ging.
Sie studierte Sachkunde und Mathematik auf Grund- und Hauptschullehramt und sieht Parallelen von Unterricht und Gästeführungen, nur dass die Gäste zuhören wollen und nicht müssen.
Ihre Figur trägt den Vornamen Charlotte ihrer Mutter und den Geburtsnamen ihrer Großmutter.
Katharina Nawratil und Frauke Büsing-Gerdes wollten beide etwas Neues tun, als ihre Kinder aus dem Haus waren. Frauke Büsing-Gerdes, die zuhause einen Gartenbaubetrieb hat, befand sich nach ihrem Umzug vom Wangerland nach Jever auf einer Fortbildungsreise in England, als ihr Ehemann in der Zeitung das Fortbildungsangebot der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) zur Gästeführerin mit Stern fand. Zwei Tage später begann schon der Kurs. Sie lernten ein Dreivierteljahr lang viel über Geschichte, Architektur, Heraldik, leichte Sprache, Stimmübungen und den Aufbau von Gästeführungen unterschiedlichster Art. Um Gästeführerinnen mit Stern zu bleiben, müssen sie jährlich 18 Stunden Fortbildung nachweisen.
Den Kurs über inszenierte Kostümführung bei einer Leeraner Regisseurin besuchten sie mit zwei weiteren Kolleginnen aus Jever.
Die Idee zur Zweierführung kam Frauke Büsing-Gerdes und Katharina Nawratil, weil ihnen im Kurs zur Schlossführerin deutlich geworden war, wie angespannt das Verhältnis im 18. Jahrhundert zwischen den Jeveranern und den Zerbstern teilweise war.
Auf ihre schönen Kleider werden die Gästeführerinnen oft angesprochen, Fotos werden mit ihnen gemacht, Kinder winken und Autos verlangsamen.
Es war schwierig, eine Schneiderin zu finden. Schließlich fanden sie eine Schneiderin aus Edewecht, die für das Niederdeutsche Theater Neuenburg und das Freilichttheater Dangast schneidert.
Die Gästeführerinnen recherchierten nach Rocksaum, Stoffen, Voulons und Knöpfen, kauften Riechdose, Brille, Schultertuch und Schuhe.
Auch Führungen in anderen Städten oder Freilichtmuseen, wo Menschen kostümiert sind, schauen sich beide gern an. Allerdings dürfen Führungen nicht zu zahlenlastig oder als Lückenfüller eingesetzt sein.
Frauke Büsing-Gerdes und Katharina Nawratil sehen ihre inszenierte Kostümführung als ihr „gemeinsames Kunstwerk“. Es ist ihr Geschenk an die Stadt Jever und alle, die mal Lust auf eine sehr unterhaltsame Zeitreise ins 18. Jahrhundert haben


 

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