Im Spielmannszug Jever e.V. spielen drei Generationen harmonisch zusammen

Artikel vom 21.09.2021

Von Henning Karasch

Dieter Cassens ist Vorsitzender und Geschäftsführer des Spielmannszugs Jever e.V. Foto: Karasch

Dieter Cassens aus Jever freut sich, mittwochs abends wieder etwas vor zu haben. Sein Spielmannszug Jever e.V. nimmt gerade wieder die Probenarbeit auf, nach anderthalb Jahren Zwangspause wegen Corona. Geprobt wird in Räumen der Grundschule Harlinger Weg. Ab 17.30 Uhr üben die Instrumentengruppen. Ab 18.30 Uhr proben alle gemeinsam in der Sporthalle. Danach wird auf dem Schulhof angetreten und Marschieren geübt, angeführt von Christa Schmoll, die seit 1987 erste Tambourmajorin ist. Genauso lange ist Dieter Cassens erster Vorsitzender. Bereits 1972 wurde er Geschäftsführer und stellvertretender Vorsitzender des Spielmannszugs Jever e.V. Dies spiegelt den guten Zusammenhalt des Vereins, dem Dieter Cassens 1959 beitrat. Der Spielmannszug Jever e.V. wurde am 1.November 1951 gegründet. Das letzte Gründungsmitglied verstarb 2019 mit 99 Jahren. Da das 70-jährige Bestehen 2021 nicht gefeiert werden kann, soll daraufhin das 75-jährige Jubiläum 2026 begangen werden, meint Dieter Cassens. Am liebsten möchten die Spielleute vor dem Schloss den großen Zapfenstreich spielen, wofür Sponsoren gesucht werden. Der Spielmannszug Jever e.V. spielt als einziger auf der Ostfriesischen Halbinsel den großen Zapfenstreich. Er wurde dafür schon von Emden und Esens verpflichtet. Aus beiden Städten würden Spielleute in Jever mitspielen. Zum 40-jährigen Bestehen lud Jever 40 Spielmannszüge für vier Stunden an einem Nachmittag ein. Weil Niederländer dabei waren, war es sogar international.
Im Spielmannszug Jever e.V. spielen drei Generationen im Alter von acht Jahren, dem Mindestalter, bis 79 Jahren harmonisch zusammen, betont Dieter Cassens. Bis 1974 durften nur Männer mitspielen, erinnert sich der 73-Jährige. Aber auch Mädchen wollten beitreten. Innerhalb von 14 Tagen kamen 40 Kinder hinzu, die eingekleidet und mit Trommeln oder Flöten ausgestattet wurden. Bis 1977 war dieser Jugendspielmannszug eigenständig, erhielt zahlreiche Spenden, unter anderem auf den Altstadtfesten. Heute sind 80 Prozent der 29 uniformierten Spielleute, davon acht Kinder und Jugendliche, Frauen. Der Trommler und Flötist ist nicht nur Vorsitzender und Geschäftsführer, sondern auch Chronist der Gruppe. Schon seine Mutter sammelte von Anfang an Zeitungsausschnitte über die Aktivitäten des Spielmannszugs Jever e.V. Lücken füllte Dieter Cassens im Schlossarchiv Jever auf. Montags von 15 Uhr bis 22 Uhr widmet er sich seinem Archivkeller mit über 40 Stunden Film, Fotobüchern, Fotofilmen, vier Ordnern Zeitungsartikel seit 1951 und digitalisierten Protokollen und Spielplänen seit 1972. Kuriose Dinge finden sich dort, wie Beitrittserklärungen auf Bierdeckeln von Passivmitgliedern, die den Spielleuten bei einem Fest begeistert zugehört hatten. Manches Fest brachte zehn bis zwölf Fördermitgliedschaften, die es seit 1951 gibt, ein. Auch die Homepagepflege obliegt Dieter Cassens. Die Vereinsverwaltung ist für ihn Hobby. 
Als Elfjähriger sei er begeistert gewesen, wenn die Spielleute zum Schützenfest, das damals von Sonntag bis Sonntag gefeiert wurde, durch sein Viertel zogen. Diese erste Liveband des Lebens imitierten sie als Kinder mit Kochtöpfen vor den Bäuchen und Pfeifen hinter ihrem Tambourmajor mit Besenstiel, erinnert sich Dieter Cassens. Mit drei Kindern fragten sie beim echten Tambourmajor, ob sie mitspielen dürften. Dieser stimmte sofort zu. Im August 1959 ging Dieter Cassens mit einem Freund, der auch Trommler wurde, zu seinem ersten Übungsabend. Er wurde in schwarz-weiß mit blauem Schiffchen eingekleidet. Geübt wurde im Garten, im Wald, auf Jürgens Dreesche oder im Moorland. Manchmal verscheuchte sie ein Landwirt, weil dessen Kühe vom Trommeln verrückt wurden. Dann wurde zuhause auf dem Tisch weitergeübt. Über ein halbes Jahr übten sie Schläge, Note für Note, die aneinandergereiht wurden. Zum Schützenfest 1960 durfte Dieter Cassens zwei Märsche mitspielen. Der „Schwedische Kriegsmarsch“ und „Preußens Gloria“ sind ihm in Erinnerung. Mit 14 Jahren erhielt er den Hut des Senioren-Spielmannszuges. Seit 1992 tragen die Spielleute, die bis 1989 Teil des Schützenvereins Jever waren, die aktuelle Uniform. Schießen zum Schützenfest war nie Dieter Cassens‘ Sache, und Marschmusik zuhause auch nicht. Als eingefleischter Beatlesfan, der „harte Klamotten“ hörte, hätte er gerne Schlagzeug gespielt. Das untersagten seine Eltern. Denn er wäre an Wochenenden selten zuhause gewesen.
Dieter Cassens wurde in einem Jeveraner Textilhaus zum Kaufmann ausgebildet, ging nach zwölf Jahren als Soldat 1980 zur Stadt Jever, als Personalsachbearbeiter und 16 Jahre bis 2011 als Standesbeamter. Im Spielmannszug Jever e.V. wurden zahlreiche Ehen, meist mit gleichem Instrument, gestiftet. Zur Hochzeit wird dann ein Ständchen gespielt.
Zu besten Zeiten trat der Spielmannszug Jever e.V. 64mal jährlich auf. Allein zu zwölf Geburtstagen wurde gespielt. Das sprengte den Rahmen. Mehr als 20 Auftritte im Jahr von jeweils rund 30 Minuten würden heute nicht mehr angenommen, sagt Dieter Cassens. Sonst sähen wohl die meisten Spielleute zuhause die rote Karte. Sie seien schließlich keine Dienstleister, die angefordert würden. Seine Ehefrau und seine Töchter, die beide Trommel lernten, stehen voll hinter ihm. Dieter Cassens brachte sich selbst Flötespielen bei, als die Kinder zum Spielmannszug Jever e.V. hinzukamen. Seine Enkelin war sieben Jahre lang seine Schülerin. Mittlerweile bildet er auf Trommel und Flöte aus. Bis 1989 wurde nach Grifftabelle, seither wird nach Noten gespielt. Die 32 aktuell im Repertoire befindlichen Märsche und Lieder, von „Schön ist es, auf der Welt zu sein“ über „Schützenliesl“ und den „Bossa Nova“ bis zum „Roten Pferd“ und zu Seemannsliedern werden vom Blatt gespielt. Anfangs hatten die Spielleute alle Melodien im Kopf, sagt Dieter Cassens anerkennend. Er brachte sich das Transponieren aus Büchern bei, setzte „Glück auf, der Steiger kommt“ eine Oktave höher.
Gespielt wird auf Querflöten, Trommelflöten, Trommeln, Pauken, Becken und Lyra. Die Melodien sollen eingängig sein, um am Straßenrand mitgepfiffen zu werden. Man muss nicht unbedingt als Kind anfangen zu spielen. So gab es 2018 drei Erwachsene, die beitraten. Dabei spiele niemand in mehreren Spielmannszügen, das sähe man auch nicht gern, betont Dieter Cassens. Die Kinder wachsen ihm immer ans Herz. Wer mit 16 Jahren weitermache, bleibe lebenslang. Eine Partnerschaft besteht zum Spielmannszug aus Lindau bei Zerbst, Jevers Partnerstadt. Mit den Spielleuten aus Sillenstede, Wittmund oder Esens, die sie auf Festen treffen, sind die Jeveraner befreundet. Von 1990 bis 2004 gab es alle zwei Jahre Reisen, dann ging es für zehn Tage nach Tarragona, Budapest, Paris, Wien oder Berlin, wo sie den Bundestag besichtigten und den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit trafen. Die ersten zehn Jahre begleitete der Spielmannszug Jever e.V. die Städtepartnerschaften Jevers. Zweimal ging es nach Cullera, aber ohne Uniformen und Instrumente. Dieter Cassens buchte die Flüge.
Zum Karneval spielen die Jeveraner lieber nicht, weil Umzüge dort bereits nachts losmarschieren. Der Spielmannszug Jever e.V. begleitete jedoch den Umzug des Handwerksgesellenvereins Jever zu ihrem Karneval. Seit langem fahren Jevers Spielleute zum Schützenausmarsch Hannover, ihrem größten Auftritt mit 75 Minuten Spielzeit, zum Bremer Freimarkt und Oldenburger Kramermarkt. Das alles fiel natürlich wegen Corona weg. Am 11.März 2020 war die letzte Probe. Aus der Geburtstagskasse ging man 2020 und 2021 Eis essen. Im Herbst 2020 gab es ein Hygienekonzept, aber die Inzidenz kletterte. Auf dem Schulhof hätte ohnehin nicht geübt werden dürfen, da sich sonst vielleicht am Zaun Menschen gesammelt hätten. Über soziale Medien hielten alle Spielleute zusammen. Bis auf ein Kind, das erst 2019 hinzukam, sprang niemand ab, freut sich Dieter Cassens. Für Fest- und Laternenumzüge 2021 und 2022 gebe es schon 17 Anfragen. Genehmigungen stehen aus. Musizieren und zu dritt in Marschordnung laufen sei wie Radfahren, das verlerne man nicht, ist sich Dieter Cassens sicher. In den dritten und vierten Schulklassen will er wieder Mitspieler werben. Vier bis fünf Kinder gehen dann stets zum dreimonatigen Schnupperkurs. Den Anfang macht „Hoch auf dem gelben Wagen“ an der Schultafel.   


 

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