Jeden dritten Sonntag ist Backtag mit Außerhausverkauf

Von Henning Karasch

Schon als Kind buk Ingrid Franzen für ihre Familie und Freunde. Foto: Karasch

Der Mühlenverein Accum e.V. hat sich von der Corona-Pandemie nicht ausbremsen lassen.
Bis zum 18. Oktober findet jeden dritten Sonntag ab 15 Uhr der Backtag mit Außerhausverkauf statt. Die Gäste gehen im Einbahnstraßensystem und mit Mund-Nasen-Maske durch die Mühlenscheune. Die Mitarbeiter werden getestet.
Seit Wiedergründung des Mühlenvereins Accum e.V. 2017 ist Ingrid Franzen Backwartin, brachte mittlerweile sogar ihre langjährigste Freundin mit. Die Voslapperin buk schon als Zehnjährige, wenn ihre Familie Besuch bekam, Kuchen, Torten oder Berliner. Von ihren Onkeln aus Schweden kennt Ingrid Franzen tolle Tortenrezepte mit Zimt und Kardamom, die aber umfangreich in der Vorbereitung mit viel Handarbeit sind. Ins Backteam des Mühlenvereins Accum e.V. brachte die Wilhelmshavenerin ein Schwarzbrotrezept mit, das ihr eine Kollegin 1986 gab, und ein Rezept für Rosinenbrot, das stets ein Klassiker an Backtagen ist. Dafür hat der Teig mit wenig Hefe eine lange Gehzeit von 24 Stunden, wofür ihm in der Industrie vielleicht eine Stunde Zeit gegeben würde. Aus Ingrid Franzens Teig entwickelt sich durch die Arbeit der Enzyme ein genussvolles, bekömmliches Brot. Zuhause hat die ausgebildete Feinwerktechnik-Ingenieurin, die früher auch auf Baustellen tätig war, ihr Backhaus in einer soliden Gartenhütte mit Knetmaschine und Steinbackofen. Einen Nachmittag Brötchen zu backen sei Entspannung pur. Ingrid Franzen hält wenig von Backsendungen im Fernsehen, das sei nur Show. Sie liest den Blog von Lutz Geister, einem Verfechter langer Gehzeit für Teige, und besuchte 2020 einen Lehrgang des Backofenherstellers in Schwaben, wo es noch viele Backhäusern in Dörfern gibt. Wie beliebt Backen ist, sah Ingrid Franzen, als sie rund 100 Backbücher aussortierte und ins Bücherregal eines Supermarktes stellte. Nach ihrem Einkauf hatten sie alle Liebhaber gefunden.
Auch Ingrid Franzens Tochter buk schon als Kleinkind mit, und wenn ihr Ehemann montags Kuchenreste vom Wochenende mit zur Arbeit nahm, erwarteten ihn seine Kollegen bereits am Fenster und hatten die Köstlichkeiten innerhalb einer halben Stunde vertilgt. Backt Ingrid Franzen zuhause, kommen schonmal Nachbarn vorbei, weil es so gut duftet. Ihrem Backteam bringt sie Kostproben mit, ob ein Rezept ins Programm aufgenommen werden soll, etwa das bayerische Bergbauernbrot mit Kümmel oder die Dinkelbeißer. Es sei aber etwas anderes, ob sie privat backe oder für die Gäste der Accumer Mühle. Ingrid Franzen muss wissen, wieviel Mehl oder Rhabarber sie für Brot und Kuchen einkaufen muss.
Im Backteam ist Ingrid Franzen Kommunikation auf Augenhöhe wichtig. Am Sonntag vor dem Backtag wird besprochen, was gebacken werden soll. Mittwoch und Donnerstag wird der Sauerteig gefüttert, Freitag der Schwarzbrotteig angesetzt. Für den Teig darf es weder zu kalt noch zu warm sein, er meldet sich bei den Hobbybäckern. Das frühe Aufstehen am Wochenende des Backtages, an dem 25 Stunden gearbeitet wird, sei schon eine Herausforderung, sagt Ingrid Franzen. Gegen 4 Uhr sei Arbeitsbeginn.
Die Arbeit geht im Backteam Hand in Hand, sagt Ingrid Franzen, das Abwiegen der 200 Kilogramm Mehl für sechsmal 55 Laibe Brot, das Kneten und in die Gärkörbe legen der 80 bis 90 Kilogramm Teig im Kessel, und das Tragen der Backbleche mit 16 bis 18 Kilogramm Gewicht. Da die Bleche groß und sperrig seien, sei dies Männerarbeit. Ansonsten mache jeder alles, und es sei sich auch niemand zum Abwaschen oder zum Ausfegen der Backstube zu schade. Zu Fortbildungen am Holzbackofen fahren die Hobbybäcker in einen Ort zwischen Hannover und Hamburg, den auch Profibäcker aufsuchen.
Bereits eine Stunde vor Öffnung sind an Backtagen Gäste da, und zur eigentlichen Öffnungszeit ist fast alles ausverkauft. Letztes Mal waren es 250 Personen, nicht jeder bekam etwas ab, denn das achtköpfige Backteam, von dem jeweils fünf Personen arbeiten, stieß an seine Kapazitätsgrenzen. Einige Besucher hätten Tränen in den Augen, wenn sie nichts abbekämen. Manche Gäste frören Brot ein, weiß Ingrid Franzen. Von Oktober bis April, wenn die Saison wieder startet, reiche der Vorrat aber wohl nicht. Sie freut sich, wenn Brot und Kuchen weggehen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.
Die Brote sind nicht alle gleich, aber seit es 2020 einen neuen Ofen gab, gibt es keinen Ausschuss mehr. Der alte Ofen speicherte die Wärme nur in Teilbereichen, Brote verbrannten oben. Ein älteres Ehepaar gab dem Mühlenverein Accum e.V. das vierstellige Startkapital in zwei Briefumschlägen. Damit und mithilfe von 23 Sponsoren, die an der Backhauswand verewigt sind, wurde ein neuer Ofen gebaut. Der Schornstein wurde niedergerissen und mit den alten, unregelmäßig gebrannten Backsteinen neu aufgebaut. Den Großteil des Holzes für den Backofen, den Hermann Pille führt, und den Pizzaofen stellt die Stadt Schortens zur Verfügung. Am besten sei Buchenholz geeignet, wegen der gleichmäßigen Abbrandtemperatur.
Natürlich muss das Backteam auch Butter- und Mohnkuchen anbieten, sonst würden sie verbal von den Kunden erschlagen, fürchtet Ingrid Franzen. Sechs bis zehn Bleche á 48 Stücke werden gebacken, bei Regen etwas weniger. Für den Apfelkuchen werden Äpfel von Bäumen bei der Mühle verwandt. Mitglieder bringen Johannisbeeren für Kuchen mit. Zuhause backen die Mitglieder Kekse aus den Haferflocken, die in der Mühle mit dem Porzellanwalzenstuhl gequetscht wurden.
Mit sieben Mitgliedern wurde der Mühlenverein Accum e.V. wiedergegründet. Aus dem alten Backteam sind Norbert Edenhuizen und Mühlenvereins-Vorsitzender Hermann Pille dabeigeblieben. Heute hat der Mühlenverein Accum e.V. 120 Mitglieder. Während der Corona-Pandemie kam ein Backteammitglied hinzu, und es gibt zwei weitere Interessenten. Die Vereinsmitglieder, darunter drei ausgebildete Müller und drei in Ausbildung, nahmen draußen rund 30 000 Pflastersteine auf und verlegten sie neu. Auch die Elektrik wurde erneuert und ein Pflaumenbaum gefällt. Zwei Mitglieder stellen Neues auf Facebook ein, wo der Mühlenverein Accum e.V. etwa 9000 Folgende hat.
Die Accumer Mühle bleibt geschlossen, da darin die Abstände zu gering wären. Der Cafébetrieb in der Mühlenscheune muss ebenfalls geschlossen bleiben. Allerdings verlegte die Stadt Schortens ihr Trauzimmer in die Mühlenscheune, wo lange schon 75 Prozent aller Schortenser Trauungen vollzogen wurden. Denn ins Trauzimmer im Rathaus, sagt Hermann Pille, dürfen vier Personen, in die Mühlenscheune 26. Insgesamt gab es 2019 hier 465 Veranstaltungen, Backtage, Hochzeiten, Betriebsfeiern und Jubiläen. Für dieses Jahr sind zehn Trauungen gebucht, die allerdings oft verschoben werden. Der Deutsche Mühlentag, der stets Pfingstmontag stattfindet, wurde vom Dachverband abgesagt, so Hermann Pille. Je nach Impffortschritt könnte im September das Mühlenfest gefeiert werden.


 

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