Kein Piepsen, keine Musik, keine Durchsagen - Warum es im Supermarkt mittwochs ruhig wird

Artikel vom 08.04.2024

Alina Zacher  und Kea Ulfers

 Im Rewe-Markt von Daniel und Yvonne Schulze (jeweils außen) in Wilhelmshaven wird es still. Zumindest wöchentlich für zwei Stunden zur „Stillen Stunde“. Initiiert haben die Aktion Ursula und Karl Cerull. Bild:  Björn Lübbe

Zwei „Stille Stunden“ bietet Rewe Schulze zukünftig in Wilhelmshaven an. Damit unterstützt der Markt Menschen, die aufgrund einer Erkrankung schnell reizüberflutet sind. Was während der Stillen Stunde passiert und was das für andere Kunden bedeutet.

Wilhelmshaven - „Ein Mitarbeiter an Kasse 2, bitte“ hallt es durch die Lautsprecher, während an den Kassen nebenan monotones, lautes Piepen vorherrscht. Die Musik im Supermarktradio wird unterbrochen von der schrillen Werbung eines neuen Energydrinks, Mitarbeiter wuseln umher, räumen unter Stress Konserven ins Regal, während irgendwo ein Glas Saure Gurken auf dem Fliesenboden zerscheppert.

Reizüberflutung ausschalten

Die meisten Menschen nehmen die Geräuschkulisse im Supermarkt gar nicht wahr. Doch „für Menschen, die von Autismus betroffen sind, kann Einkaufen eine Qual sein. Denn diese absolute Reizüberflutung ist eine große Herausforderung“, erklärt Ramona Perl. Sie leitet das Autismus-Therapiezentrum der GPS Wilhelmshaven. Umso glücklicher sei sie, dass im Rewe-Markt der Familie Schulze, Mühlenweg 146, nun eine Stille Stunde eingeführt wird. Ab dem 10. April soll an jedem Mittwoch von 11 bis 13 Uhr die Musik abgestellt, kein Durchsagen gemacht, die Beleuchtung gedimmt und das Piepsen der Kasse leise gestellt werden. Auch auf die Verräumung der Waren möchten die Betreiber des Marktes, Daniel und Yvonne Schulze, weitestgehend verzichten. „Wenn es doch nötig sein sollte, werden wir so sanft wie möglich verräumen“, erklärt der Betreiber. „Es ist enorm wichtig, dass wir auch diese Gruppe an Mitmenschen sehen und ihnen ein Umfeld schaffen, in dem sie reizfrei einkaufen gehen können.“ Während der Stillen Stunde steht es dennoch allen Kunden zu, ihren Einkauf zu erledigen.

Die Idee dahinter stammt von Ursula und Karl Cerull. Sie haben einen Artikel in der Zeitung gelesen, in dem über die Stille Stunden in Städten berichtet wurde. Als sie mit einem befreundeten Autisten über das Thema sprachen und er erklärte, dass er sich so etwas schon lange wünsche, war das Paar Feuer und Flamme. Ebenso wie die Familie Schulze, als Cerulls ihnen die Stille Stunde vorschlug.

Wenn der Einkauf zur Qual wird

Denn für autistische Menschen sei der Einkauf grundsätzlich schon schwierig, so Ramona Perl. Als vor kurzem in einem Supermarkt umgeräumt worden war, um die Angebote besser zu präsentieren, sei es für eine Klientin von Perl nicht mehr möglich gewesen, ihren Einkauf fortzusetzen. „Jemand hat sie dann aus dem Supermarkt begleitet.“ Dass Supermärkte ihre Regale neu anordnen, könne man nicht verhindern, mit der Stillen Stunde sei zumindest aber die Reizüberflutung etwas geringer, so Perl.

Auch Cordula Franke, Leiterin der Selbsthilfekontaktstelle Wilhelmshaven-Friesland, ist von der Idee begeistert. „Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, was die Beschallung in Supermärkten ausmachen kann.“ Musik leiser stellen, sensibilisiert und offen für Handicaps sein, helfe Menschen mit einem autistischen Krankheitsbild, ihre Einkäufe zu Ende zu bringen. Aber nicht nur Autisten profitieren von der Stillen Stunde, sondern viel mehr Krankheitsbilder. Menschen, die an Long Covid oder am Fatigue-Syndrom erkrankt sind, haben beispielsweise ebenfalls oft Schwierigkeiten mit Reizüberflutung und hoher Lautstärke.

Dass der Rewe-Markt der Familie Schulze damit ein Vorreiter in der Stadt ist, zeigt ein Blick auf andere Märkte. Die Pressereferentin der Combi-Märkte erklärt: „Eine konkrete Umsetzung [...] ist derzeit noch nicht geplant. Wir stehen dem Thema jedoch offen gegenüber.“ Kaufland antwortet auf Nachfrage: „Uns ist es sehr wichtig, für alle Kunden ein angenehmes Einkaufserlebnis zu schaffen. Dabei verstehen wir das Interesse an einer stillen Einkaufsstunde, bitten Sie jedoch um Verständnis, dass wir bei der Vielzahl unserer Kunden derzeit nicht planen, eine stille Stunde einzuführen. Aufgrund unserer langen Öffnungszeiten haben wir aber durchaus Zeiten, in denen unsere Filialen nicht so stark frequentiert sind.“

Daniel Schulze sieht das anders, er könne sich sogar vorstellen, an einem weiteren Tag eine Stille Stunde einzuführen, wenn die Kunden den Mittwoch gut nutzen und sich das wünschen.


 

Blaulicht-Ticker

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