Alleinerziehende Mutter aus Oldenburg kann ihren Traumberuf nicht lernen

Artikel vom 10.04.2024

Sandra Binkenstein

Leandra Loschen ist alleinerziehend. Für sie ist es unmöglich, in Vollzeit eine Ausbildung zu machen. Bild: Sandra Binkenstein

Leandra Loschen möchte Erzieherin werden. Doch die schulische Ausbildung zur Sozialassistentin, die sie dafür braucht, wird nicht in Teilzeit angeboten. Als Alleinerziehende stellt sie das vor ein Problem.

Oldenburg/Im Nordwesten - „Du musst eine perfekte Familie haben – Vater, Mutter, Kind. Wenn du das nicht hast, hast du ein Problem“, sagt Leandra Loschen. Sie ist alleinerziehende Mutter, ihr Sohn ist sechs Jahre alt. Und weil sie niemanden hat, der den Jungen von der Schule abholen oder am Nachmittag betreuen kann, hat Leandra Loschen ein Problem: Sie kann die Ausbildung für ihren Traumberuf nicht machen. Die Oldenburgerin möchte Erzieherin werden.

Als Schulbegleiterin

Dass sie mit 19 Jahren schwanger wird, hat Leandra Loschen nicht geplant. Auch nicht, dass die Beziehung zum Kindsvater schon vor der Geburt in die Brüche geht. Heute ist sie 26 Jahre alt und ihr Junge, wir nennen ihn Fiete, wird in diesem Jahr eingeschult. Als Alleinerziehende steht Leandra Loschen vor vielen Problemen – aber das größte ist die Berufstätigkeit. Die ersten zwei Jahre nach der Geburt hat die Oldenburgerin nicht gearbeitet, danach fing sie mit Nebenjobs an – auf Reiterhöfen und im Solarium. 2021 hat sie begonnen, als Schulbegleiterin zu arbeiten. „Ich habe mich an der Helene-Lange-Schule um Kinder mit Förderbedarf gekümmert. Das hat mir viel gegeben, ich liebe diese Arbeit“, sagt die Oldenburgerin. Doch eine Familie ernähren könne sie damit nicht. „Ich war bis auf freitags jeden Tag bis viertel vor vier arbeiten. Und trotzdem war ich noch abhängig vom Wohngeld und dem Kindergeldzuschlag.“

Leandra Loschens Wunsch ist es, mit jungen Menschen zu arbeiten, vielleicht in der Jugendhilfe oder in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung. Deswegen möchte sie Erzieherin werden. Doch zunächst müsste sie dafür die schulische Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin absolvieren. Erst danach kann die Ausbildung zur staatlichen anerkannten Erzieherin beginnen.

Schule nur in Vollzeit

Während die tatsächliche Erzieher-Ausbildung in Teilzeit möglich ist, muss die schulische Ausbildung zum Sozialassistenten zumindest im ersten Jahr in Vollzeit absolviert werden. Und darum kommt Leandra Loschen nicht herum – anders als jemand, der schon eine abgeschlossene Berufsausbildung hat. „Das muss man sich mal vorstellen: Wenn jemand zum Beispiel einen handwerklichen Beruf gelernt hat, kann er ohne die schulische Ausbildung zum Sozialassistenten direkt die Ausbildung zum Erzieher beginnen. Doch für mich gilt das nicht. Dabei habe ich Erfahrung im sozialen Bereich: Ich habe schon als Schülerin eine Frau in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung betreut, habe als Schulbegleiterin gearbeitet und ich habe selbst ein Kind.“

Die junge Mutter fühlt sich alleingelassen. „Es wird einfach vorausgesetzt, dass man jemanden hat, der auf das Kind aufpasst. Doch meine Eltern sind beide noch jung und arbeiten, selbstständig und im Schichtdienst. Sie können sich nicht zu festen Zeiten um meinen Sohn kümmern.“

Bei der Agentur für Arbeit habe man ihr gesagt, sie solle eine andere Ausbildung machen, die komplett in Teilzeit angeboten wird – zur Friseurin oder im Einzelhandel. „Aber Erzieherinnen werden doch auch dringend gebraucht“, sagt Leandra Loschen.

Was sie am meisten ärgert: Ihr sei vorgeschlagen worden, ihrem Sohn einen Schlüssel zu geben, damit er nach der Grundschule allein nach Hause kommen und dort auf sie warten könne. „Auch, wenn ich keine Erzieherin bin, weiß ich, welche Folgen Vernachlässigung haben kann. Da entscheide ich mich lieber für mein Kind.“

Ausbildung in Teilzeit

Rund 22 Prozent der Eltern in Niedersachsen sind alleinerziehend. Das geht aus Daten des Mikrozensus von 2021 hervor, die das Landesamt für Statistik herausgegeben hat. In Niedersachsen lebten demnach rund 1,1 Millionen Familien mit Kindern, davon 769 000 Ehepaare, 96 000 Lebensgemeinschaften und 241 000 Alleinerziehende (194 000 der Alleinerziehenden sind Mütter, 47 000 sind Väter).

Alleinerziehende, die eine Ausbildung machen wollen, sind häufig auf Angebote in Teilzeit angewiesen. „Gerade in kaufmännischen Berufen, aber auch bei medizinischen Fachangestellten, im Friseurhandwerk und im Verkauf, insbesondere im Nahrungsmittelbereich und Bäckereien sieht man die Teilzeitausbildung öfter als in anderen Bereichen“, teilt die Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven auf Nachfrage mit. Allerdings seien die Angebote immer „abhängig vom Unternehmen und ganz individuell“.

Immer mehr Betriebe machen Ausbildungen in Teilzeit möglich. Das bestätigt die Agentur für Arbeit Emden-Leer: „Laut unserer Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, Marlies Malec, ist eine Steigerung im Bereich von Teilzeitausbildung zu erkennen. Demnach scheint die Bereitschaft bei Arbeitgebern grundsätzlich vorhanden zu sein und sich auch eher zu verstärken.“

Bei der schulischen Ausbildung zur Sozialassistentin/zum Sozialassistenten gestaltet sich das aber schwierig. Auf die Frage, ob die Erzieher-Ausbildung auch komplett in Teilzeit absolviert werden könne, heißt es von der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven: „Grundsätzlich gibt es diese Möglichkeit. Häufig bedeutet hier Teilzeit aber auch berufsbegleitend – also die Schule neben der Arbeit. Das kommt auch nur für Personen infrage, die den Abschluss Sozialassistent schon haben.“ Die Agentur für Arbeit Emden-Leer schreibt: „Eine rein schulische Ausbildung/Umschulung im Bereich Sozialassistenz ist derzeit im Landkreis Leer in Teilzeit nicht möglich.“

Wichtigen Infos zur Ausbildung in Teilzeit bietet die Oldenburgische Industrie- und Handelskammer auf ihrer Website: www.ihk.de/oldenburg/geschaeftsfelder/ausbildungweiterbildung/ausbildung/tipps-zur-ausbildung/teilzeitausbildung

Hilfe für Alleinerziehende gibt es außerdem auf der Website: www.familien-in-niedersachsen.de/elterninformationen/lebenslagen/alleinerziehend


 

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