Angst vor hohen Pflegekosten – was Betroffene und ihre Kinder wissen müssen

Artikel vom 18.06.2024

Fabian Steffens

Immer mehr Menschen brauchen Pflege. Aber viele wissen nicht, wie sie ein Pflegeheim bezahlen können. Bild: Symbolbild/Pexels

Millionen Menschen sind pflegebedürftig und die Kosten steigen. Vor den Kosten haben viele Angst. Beratungsstellen können helfen und erklären, wann Kinder für ihre Eltern zahlen müssen – auch in Friesland.

arel/Jever/Friesland - Über fünf Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, Tendenz steigend. Für immer mehr Menschen stellt sich deshalb auch die Frage, wie sie ihre eigene Pflege oder die ihrer Angehörigen finanzieren können. Die individuellen Kosten und Leistungsansprüche für die Pflege sind schwer zu benennen. „Ich wünsche, darauf gäbe es eine einfache Antwort“, sagt Frank Börgardts, Fachbereichsleiter Soziales und Senioren beim Landkreis Friesland. „Das muss bei jeder Person einzeln entschieden werden.“ Der Pflegestützpunkt des Landkreis Friesland und der Sozialverband Deutschland (SoVD) zeigen jedoch Rahmenbedingungen auf, an denen man sich orientieren kann.

Unterstützung durch Pflegekasse

Finanzielle oder materielle Unterstützung für die ambulante und stationäre Pflege kann durch einen formlosen Antrag bei der Pflegekasse beantragt werden. Die Höhe variiert je nach Pflegegrad zwischen 770 und etwa 2000 Euro. Die Pflegekassen decken aber nicht die vollen Kosten, es bleibt ein Eigenanteil der Pflegekosten. Außerdem müssen Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten selbst bezahlt werden.

Renten reichen oft nicht

„Die Eigenbeteiligung kann bei 2273 Euro pro Monat liegen“, sagt der SoVD-Kreisvorsitzende Bernd Piper. Weil das von vielen Renten nicht bezahlbar ist, fordert der SoVD eine umfassendere Pflegefinanzierung durch den Staat. Wenn das Einkommen nicht ausreichend ist, muss das Vermögen der zu pflegenden Person für berücksichtigt werden. Und spätestens hier fangen bei vielen die Sorgen und Fragen an. „Grundsätzlich muss das Vermögen komplett eingebracht werden“, sagt Börgardts. Er schränkt aber ein, dass es nur bis zu einem Schonbetrag von 10.000 Euro für Alleinstehende gilt und nur das direkt verwertbares Vermögen betroffen ist. Wenn ein Ehepartner noch im gemeinsamen Haus leben kann, darf er dort auch bleiben. Gegebenenfalls muss für das Haus aber ein Darlehn aufgenommen werden.

Lesen Sie auch: Sozialverband Friesland warnt vor drohender Altersarmut bei Frauen in der Region

Müssen Kinder für die Eltern zahlen?

Wenn die eigenen Eltern die Kosten für ihr Pflegeheim nicht tragen können, müssen unter Umständen die Kinder für die Kosten aufkommen. Allerdings erst ab einem Bruttoeinkommen von über 100.000 Euro pro Jahr. Dabei zählt nur das Einkommen der Kinder, Schwiegerkinder werden nicht berücksichtigt. Wenn weder Einkommen noch Vermögen ausreichen, um die Pflegekosten zu bezahlen, kann Hilfe zur Pflege beantragt werden, eine Form der Sozialhilfe.„Wenn klar ist, dass die Pflegekosten nicht alleine getragen werden können, sollte möglichst schnell ein Antrag auf Hilfe zur Pflege gestellt werden“, sagt Simone Klaus, Sachgebietsleiter Hilfe zur Pflege in der Kreisverwaltung.

Gefahr von Altersarmut

Von 1193 stationären Pflegeplätzen im Kreisgebiet werden aktuell 203 durch Hilfe zur Pflege unterstützt. Hinzu kommen noch Personen, die andere Sozialleistungen, etwa Bürgergeld erhalten und pflegebedürftige Friesländer in anderen Landkreisen, die in der Nähe von Verwandten betreut werden.

Für Bernd Piper vom SoVD ist aber noch eine andere Kostenfalle wichtig: „Fast 80 Prozent alle Pflegebedürftigen werden Zuhause betreut.“ Um die Betreuung zu gewährleisten, würden angehörige oft weniger Arbeiten - eine Gefahr für spätere Altersarmut. „Die ambulante und stationäre Pflege brauchte mehr finanzielle Unterstützung“, sagt der SoVD-Kreisvorsitzende. Ein Lösungsvorschlag des SoVD: eine Bürgerversicherung für alle.

Pflegeberatung in Friesland

Angebote zur Beratung bei Pflegefällen bieten in Friesland unter anderem der SoVD und der Pflegestützung des Landkreises an. Die Berater helfen bei der Organisation, Finanzierungsmöglichkeiten und der Bürokratie.

Der SoVD ist mit seinem Beratungszentrum in Varel unter Tel. 04451/3130 oder per Mail unter info.varel@sovd-nds.de erreichbar. Weitere Informationen, auch zu den Beratungszeiten gibt es unter www.sovd-friesland.de.

Der Pflegestützpunkt des Landkreis Friesland in Jever ist zur Terminvereinbarung unter Tel. 04461/9196031 oder Tel. 04461/9196030 erreichbar. Weitere Informationen rund ums Thema Pflege gibt es unter www.friesland.de.

Eine Notfallmappe für alle wichtigen Dokumente empfiehlt Gerrit Duin als Koordinator des Pflegestützpunkts. Für ein erstes Beratungsgespräch sind aber keine vollständigen Unterlagen nötig.


 

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