Bürgermeister Otto hält diese Ex-Bürgerin für einen KI-Fake

Artikel vom 27.03.2024

Eva Dahlmann-Aulike

Tetiana Fomenko hat versucht, mit diesem Selfie die Verwaltung der Gemeinde Saterland zu überzeugen, dass die Generalvollmacht an ihren Stiefvater Markus Berger weiterhin gültig ist. Die persönlichen Daten wurden von unserer Redaktion unkenntlich gemacht. Bild: Tetiana Fomenko

Eine junge Ukrainerin verlässt Deutschland. Ihr Stiefvater hat eine Generalvollmacht und will sie aus dem Saterland abmelden. Doch die Verwaltung hält das Dokument sowie ein Foto der Frau für gefälscht.

Saterland - Tetiana Fomenko ist weggezogen aus dem Saterland. Sie hat Deutschland ganz verlassen. Ihrem Stiefvater, dem Sedelsberger Markus Avram Berger, hat die 25-Jährige aus der Ukraine eine Generalvollmacht erteilt. Er will sie damit aus der Gemeinde Saterland abmelden. Doch die Verwaltung unterstellt, das Dokument sei gefälscht, ebenso wie ein Foto, das Tetiana Fomenko mit einem handschriftlichen Text und der Karte für ihren Aufenthaltstitel zeigt. Bürgermeister Thomas Otto hält das Foto für einen KI-Fake. Der Vorfall beschäftigt inzwischen das Verwaltungsgericht in Oldenburg.

Schwerer Familienstreit

Doch von vorne: Tetiana Fomenko wohnte mit ihrem Sohn in der Wohnung ihres damaligen Lebensgefährten in Brakel (Landkreis Harburg). Als es dort im Herbst 2023 zu einem schweren Familienstreit kam, standen sie plötzlich auf der Straße. Das dortige Jugendamt nahm den Jungen vorübergehend in Obhut. Dort sei Tetiana Fomenko, die kein Deutsch spricht, gedrängt worden, eine Generalvollmacht für ihren Stiefvater von Februar 2023 zu widerrufen, berichtet Berger im Gespräch mit unserer Redaktion. Das sei hinderlich, zum Beispiel wenn ein Antrag beim Familiengericht gestellt werden müsse.

Berger, der einige ukrainische Familien unterstützt, Erfahrung in diesen Verwaltungsangelegenheiten hat und in der Saterländer Verwaltung persönlich bekannt ist, besorgte Stieftochter und Stiefenkel schnell eine Wohnung in Sedelsberg. Fomenko erteilte Berger am 25. September 2023 wieder Vollmacht. Alle Behörden wurden darüber informiert, zum Beispiel die Jugendämter der beiden Landkreise Harburg und Cloppenburg. In der Gemeindeverwaltung Saterland gab Fomenko die Vollmacht persönlich ab. Sie wurde anerkannt. So liegt unserer Zeitung ein Schreiben vor, in dem sich ein Mitarbeiter im Oktober direkt an Berger wendet, um über die Mietkaution für Fomenkos Wohnung zu kommunizieren.

Video-Telefonat abgelehnt

Fomenkos Probleme mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten hörten nicht auf. Sie verließ Deutschland. Als ihr Stiefvater sie jedoch aus der Gemeinde Saterland abmelden wollte, wurde dies verweigert. Es bestünden „Zweifel an deren Echtheit und Gültigkeit“ der Vollmacht, wie Bürgermeister Thomas Otto später schreibt. Berger und Fomenko versuchten die Verwaltungsmitarbeiter im Meldebüro zunächst formlos zu überzeugen. Aus dem Ausland schickte Tetiana Fomenko am 26. Februar ein Foto von sich mit einem handschriftlichen Text und ihrem Aufenthaltstitel (Passersatz) für Deutschland – die Vollmacht von September 2023 sei weiterhin gültig. Das wurde nicht anerkannt. Berger initiierte ein Video-Telefonat mit seiner Stieftochter während er im Rahmsloher Rathaus war. Fomenko wollte darin ihren Aufenthaltstitel vorzeigen und versichern, dass Berger für sie handeln darf. Auch das wurde als Beweis abgelehnt.

Berger zog einen Anwalt hinzu, der die Zwangsabmeldung schriftlich forderte. Diese Forderung wies Bürgermeister Thomas Otto zurück: „Bitte legen Sie für eine weitere Korrespondenz in der Sache zur Glaubhaftmachung der ordnungsgemäßen Vertretung noch kurzfristig eine durch einen Notar beglaubigte Bevollmächtigung des Beauftragten, Herrn Markus Berger durch die Frau Tetiana Fomenko vor.“

Keine „Fotoaufnahme“

Inzwischen hat Berger die Sache ans Verwaltungsgericht Oldenburg gebracht. In seiner Erwiderungsschrift, die unserer Zeitung vorliegt, äußert Otto den Verdacht, Fomenko wolle gar nicht mehr von Berger vertreten werden. Das Selfie zeige nur „angeblich“ Frau Fomenko, „diese Vollmacht ist in deutscher Sprache verfasst und augenscheinlich nicht von Frau Fomenko, sondern handschriftlich von Herrn Berger verfasst“. Ottos Schlussfolgerung: „Nach unserer Überzeugung handelt es sich hierbei jedoch um keine authentische Fotoaufnahme, sondern ein computergeneriertes Bilderzeugnis. Herr Berger ist in dieser Branche beruflich tätig und befähigt entsprechende Bilder zu erstellen“, schreibt Otto über den Grafikdesigner mit großem Instagram-Account. Gegenüber unserer Zeitung wollte er sich nicht äußern, weil das Verfahren beim Verwaltungsgericht noch anhängig sei.


 

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