Fünf Stolpersteine erinnern nun an Zeugen Jehovas

Artikel vom 25.10.2023

Kornelia Sojka

Beim Verlegen in der Helgolandstraße 44: Der Kölner Aktionskünstler Gunther Demnig setzt zwei Stolpersteine. Anschließend verlasen Schüler der Osterburgschule die Biographien der NS-Opfer. Bild: Kornelia Sojka

Bei der 17. Stolpersteinverlegung in Emden ist erstmals auch Emderinnen und Emder gedacht worden, die wegen ihres Glaubens in der Nazi-Zeit verfolgt wurden.

Emden - Vor den Häusern in der Helgolandstraße 44 und in der Föhrstraße 36 erinnern seit Sonntag fünf Stolpersteine an Emderinnen und Emder, die wegen ihres Glaubens während des Nationalsozialismus verfolgt, unterdrückt, gefoltert und getötet wurden. Zwei Steine liegen für das Ehepaar Rimt und Gesche Janssen, drei für Paul, Aje und Georg Schullian.

Sie alle hatten sich zu der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas bekannt, die von den Nazis als eine der ersten Glaubensgemeinschaften bereits 1933 verboten wurde. Die Steine erinnern an Opfer des NS-Regimes. Verlegt wurden sie diesmal wieder vom Stolperstein-Initiator, dem Kölner Künstler Gunther Demnig.

Große Beteiligung

Trotz ungemütlicher Witterung mit Dauerregen und geringen Temperaturen war die Zahl der Teilnehmer wieder groß. Neben den Mitgliedern des Emder Arbeitskreises Stolpersteine und Vertretern der Emder Parteien waren diesmal viele Mitglieder der Emder Gemeinde der Zeugen Jehovas gekommen. Auch unterstützten wieder Schüler der Osterburgschule, der Herrentorschule, der Berufsbildenden Schulen II und des Max-Windmüller-Gymnasium das Gedenken.

An den einzelnen Verlegestationen – es waren am Sonntag insgesamt sechs – lasen sie die Biographien derer vor, an die jeweils ein Stolperstein erinnert. Mit den Schicksalen hatten sich in den vergangenen Monaten vom Arbeitskreis Hans-Gerd Wendt, Johanna Adickes, Traute Hildebrandt und Edda Melles beschäftigt.

„Die Zeugen Jehovas gehörten zuweilen zu den vergessenen Opfern des Faschismus“, hob Johanna Adickes vom Arbeitskreis Stolperstein in ihrer Begrüßungsrede hervor. Keine andere Glaubensgemeinschaft habe sich mit einer vergleichbaren Unbeugsamkeit dem nationalsozialistischem System versagt beziehungsweise sich ihm entgegengestellt. Sie leisteten aus ihrem Glauben heraus geschlossen Widerstand, beteiligten sich nicht an den Reichstagswahlen, lehnten den Eid auf den Führer ab, verweigerten den Hitlergruß und den Wehrdienst. Das kostete viele ihr Leben.

„Gegen Unrecht“

Johanna Adickes ist deshalb dankbar, dass nach dem Anschlag in Hamburg bei den Zeugen Jehovas am 9. März dieses Jahres mit insgesamt sieben Toten und neun Schwerverletzten endlich durch ein Denkmal in Berlin die Zeugen Jehovas gewürdigt werden.

Aber das werde nicht reichen, ist sie sich sicher. „Es braucht auch gegenwärtig Haltung, um gegen Unrecht aufzustehen.“

Nach den beiden Stationen in Friesland führte die Verlegeroute in die Innenstadt und weiter nach Port Arthur/Transvaal. An den Adressen Am Alten Markt 1, Am Anker, Graf-Edzard-Straße 19 und in die Auricher Straße 30 wurde weiteren jüdischen Opfern gedacht.

Mit den neuen Steinen sind jetzt insgesamt 399 Stolpersteine für Emder Nazi–Opfer verlegt worden, teilte Edda Melles in einem Gespräch mit dieser Redaktion mit. Angelehnt an die Verlegeaktion ist die Wanderausstellung „Verboten und verfolgt: Jehovas Zeug*innen im KZ-Ravensburg und in Haftanstalten der DDR“ in der Volkshochschule zu sehen.

Die sechs Orte der neu verlegten Stolpersteine in Emden

Helgolandstraße 44: Gesche Antje Janssen bekam durch die Heirat mit Rimt Lübbers Janssen Kontakt zu den „Internationalen Bibelforschern“ (IBV, später: Zeugen Jehovas). Seit 1931 waren beide dort aktiv. 1933 wurden die IBV verboten. Doch die Eheleute trafen sich weiterhin mit Gleichgesinnten und verteilten ihre Schriften. Im April 1937 wurden beide angeklagt. Gesche Janssen wurde zu einem Jahr und drei Tagen Gefängnis verurteilt, ihr Mann zu zwei Jahren. Ab 1937 wurden Zeugen Jehovas nach der Haft ins Konzentrationslager eingewiesen. Gesche kam zunächst ins KZ Lichtenburg, später ins Frauen-KZ Ravensbrück. In den fünf Jahren dort zog sie sich ein schweres Herzleiden zu. Auf Anordnung Himmlers wurden dann ab 1943 alle Bibelforscherinnen in kinderreichen Familien oder in „Lebensborn“-Heimen (deren Ziel die Erhöhung der Geburtenziffer „arischer“ Kinder war) eingesetzt. Nach acht Jahren Freiheitsentzug kehrte Gesche schwer krank nach Emden zurück. Sie starb am 30. September 1970 mit 62 Jahren. Ihr Mann Rimt, der bis 1940 in Haft blieb, dort schikaniert und misshandelt wurde, starb am 2. Januar 1977 mit 70 Jahren.

Föhrstraße 36: Auch der Schuhmacher Paul Schullian und seine Frau Aje, geb. Schüürmann, bekannten sich zur Gemeinschaft der Bibelforscher. Anfang 1933 wurde Schullian Mitglied, 1937 verhaftete die Gestapo die Eheleute und ihren Sohn Georg (19). Die Eltern wurden zu einem bzw. zwei Jahren Haft verurteilt, Georg zu sechs Monaten. Er kam nach der Haft direkt in das KZ Sachsenhausen, wo er am 14. April 1940 ermordet wurde. Seine Mutter kehrte nach ihrer Haft bei Rostock nach Emden zurück, verließ die Stadt aber kurz darauf. Sie starb am 12. Januar 1975 in Westerstede, elf Jahre nach Ehemann Paul, der ihr – gesundheitlich stark angegriffen – dorthin gefolgt war.

Am Alten Markt 1: Der jüdische Kaufmann Israel Stein und seine Frau Chaje Malie bewohnten mit ihren drei Söhnen (Georg, Siegmund und Josef) das Haus Alter Markt 9. Nach der Machtübernahme 1933 mussten sie ihr Haus aufgeben und zogen zu einer anderen jüdischen Familie (Am Herrentor 6). Im März 1940 musste sie Emden verlassen und in Berlin in ein „Judenhaus“ ziehen. Von dort wurden Chaje Malie und ihr Mann 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Söhne entkamen dem Holocaust durch Emigration. Georg ging nach Frankreich, später in die USA. Er starb im Alter von 103 Jahren in Miami. Siegmund ging 1936 nach Dänemark, wo er das ersehnte Zertifikat zur Einreise nach Palästina erlangte. Er starb am 19. Mai 1994 in Netanja mit 76 Jahren. Josef ging zunächst nach Holland, dann nach New York. Unter dem Namen Joseph Stine ließ er sich in Chicago nieder. Dort starb er im Februar 2020 als Hundertjähriger.

Am Anker: Rudolf Buck kam am 2. August 1901 als zweites von fünf Kindern in Emden zur Welt. Schon früh galt er als Freigeist. Er ging auf Wanderschaft, blieb seiner Heimatstadt aber verbunden. Wegen seines Lebensstils lehnten die Verwandten ihn offenbar ab. 1938 wurde er in das KZ Sachsenhausen als „arbeitsscheu“ verschleppt. Am 25. Januar 1940 wurde er in das KZ Mauthausen gebracht, wo er kurze Zeit darauf starb. Die genauen Umstände sind unbekannt. Aber Mauthausen war ein KZ mit den härtesten Haftbedingungen und der höchsten Todesrate.

Graf-Edzard-Straße 19 Käthe Wolff, geborene Karseboom, war mit dem Auricher Viehhändler Abraham Wolff verheiratet. Die kleine Familie – 1925 kam Tochter Inge zur Welt – zog 1929 nach Emden in das elterliche Haus in die Graf-Edzard-Straße. In der Pogromnacht schleppten SA-Männer die Familie in die Neutorschule, wo sie gedemütigt und gequält wurden. Käthe und Tochter Inge kamen wieder frei, ihr Mann kam mit weiteren 60 jüdischen Männern ins KZ Sachsenhausen. Kurz vor Heiligabend 1938 wurde Abraham aus dem KZ mit der Auflage entlassen, sofort auszuwandern. Doch erst 1940 verließen die Wolffs Emden und zogen nach Berlin, wo sie mit 1006 weiteren jüdischen Bürgern nach Riga und später in das Vernichtungslager Stutthof deportiert wurden. Alle drei wurden dort am 9. August 1944 ermordet.

Auricher Straße 30: Jacob Karseboom hatte das „Schatthaus“ gepachtet, das zur Burg Hinte gehörte. Gemeinsam mit seinem Bruder Josef betrieb er die Vieh- und Zuchthandlung Gossels und Karseboom. Im Dezember 1919 verließ die Familie Hinte und zog in das Haus Auricher Straße 96, später Adolf-Hitler-Straße 6. Jacob heiratete 1921 Susanne Gossels. Nach dem Pogrom war auch er gezwungen, das Haus zu verkaufen. Die Eheleute zogen in das Altenheim an der Schoonhovenstraße, wo Jakob am 8. Mai 1940 verstarb. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Susanne Karseboom blieb im Heim, wurde aber mit 77 Jahren im Oktober 1941 in das Ghetto Lodz deportiert. Dort starb sie am 12. Januar 1942.


 

Der Nordlicht Newsletter

Jede Woche Freitag für Euch!

Jetzt zum Newsletter anmelden

Weitere interessante Artikel

Schwerstkranke Mattea erfährt Welle der Hilfsbereitschaft

Eine Welle der Spendenbereitschaft hat Karina Bunke erreicht: Fast 36000 Euro sind zusammengekommen, um das behindertengerechte Fahrzeug für ihre elfjährige Tochter zu ...

JUNGES TEAM FÜHRT „ENTRYO“ IN WIESMOOR: Mehr als ein klassisches Maklerbüro

Anzeige

Über die Demenz-App finden Angehörige zueinander

Demenzkranke und ihre Angehörigen driften oft in die Isolation und Einsamkeit. Die Demenz-App Oldenburg ermöglicht ihnen den Zugang zu Gleichgesinnten und Veranstaltungen. Oldenburg - ...

Die meisten Spielplätze im Landkreis Leer sind nicht inklusiv

Auch wenn Spielplätze heute meist aufwendiger gestaltet werden als früher: Ein Spielplatzgestalter erklärt, warum die meisten Spielplätze im Landkreis Leer nicht inklusiv ...

Mann vergeht sich an Pferd – Verband fordert härtere Strafen für Übergriffe auf Tiere

Selten werden die Fälle bekannt, doch es gibt sie. Erst kürzlich verging sich ein Mann im Nordwesten an einem Pferd und musste sich vor Gericht verantworten. Was Experten zum Thema ...

BAUMESSE BEIM UNTERNEHMEN MEYERHOLZ IN FRIEDEBURG/MARX: 15 Betriebe stellen ihre Leistungen vor

Anzeige

Ist der Traum vom Eigenheim noch finanzierbar?

Häuser in Varel, Zetel und Bockhorn sind günstiger geworden, doch die Zinsen für Kredite sind weiterhin hoch. Wie lässt sich ein Kredit da finanzieren? Ist mieten sinnvoller? Wir ...

EWE erhöht in der Grundversorgung Preise für Strom und Gas

Die EWE erhöht zum 1. April in der Grundversorgung die Preise für Strom und Gas. Wie der Energiekonzern das begründet. Oldenburg - Der Oldenburger Energieversorger EWE ...

Stalking – Warum sich Staatsanwälte und Richter damit schwertun

Als Anwalt für Opferrechte erlebt Steffen Hörning die Angst von Stalking-Opfern jeden Tag. Was er aufseiten der Justiz vermisst, erklärt der Landesvorsitzende vom Weißen Ring im ...

SCORE TANKSTELLEN: TRADITION IN VERBINDUNG MIT ZUKUNFTSFÄHIGER INNOVATION

Anzeige

Immer häufiger auch Menschen mit Vollzeit-Job in finanziellen Schwierigkeiten

Im Nordwesten ist die Zahl der Privatinsolvenzen 2023 deutlich gestiegen. Schuldnerberater sehen mit Sorge, dass immer häufiger Menschen mit einem Vollzeit-Job in finanzielle Schwierigkeiten ...

„Die AfD suggeriert eine heile Welt, die es so nie gegeben hat“

„Ostfriesland steht zusammen - Demokratie schützen“ - unter diesem Motto steht eine Demonstration, die am Samstag vor dem Rathaus stattfinden soll. Wie wichtig ihm das ist, sagt der ...

Wie Sabine Joyce auswanderte, um den amerikanischen Traum zu leben

Der „American Dream“ ist für Sabine Joyce wahr geworden. 1960 ist die Zwischenahnerin als junge Frau in die USA ausgewandert und hat dort viel erreicht. Ihre Geschichte wird sogar im ...

E-CENTER DÖRING: Markt erstrahlt in neuem Gewand

Anzeige

Stammzellenspender für Linsweger Ortsbrandmeister gefunden

Die gute Nachricht wurde zum Wochenende bekannt: Der an Leukämie erkrankte Linsweger Ortsbrandmeister hat einen Stammzellenspender gefunden. Die Feuerwehr meldet sich mit emotionalen ...

Der Nordlicht Newsletter

Jede Woche Freitag für Euch!

Jetzt zum Newsletter anmelden

Alle Events & Termine der Region