Immer häufiger auch Menschen mit Vollzeit-Job in finanziellen Schwierigkeiten

Artikel vom 31.01.2024

Jörg Schürmeyer

Bei einer steigenden Anzahl von Bürgern im Nordwesten reichte das Geld im vergangenen Jahr nicht aus. Bild: Andrea Piacquadio

Im Nordwesten ist die Zahl der Privatinsolvenzen 2023 deutlich gestiegen. Schuldnerberater sehen mit Sorge, dass immer häufiger Menschen mit einem Vollzeit-Job in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Hannover/Oldenburg - Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen ist im vergangenen Jahr im Nordwesten spürbar – und auch deutlich stärker als in anderen Teilen Niedersachsens – gestiegen. Meldeten landesweit 2023 insgesamt 10.031 Privatpersonen eine Insolvenz an (Plus von 5,2 Prozent), so gab es im Weser-Ems-Gebiet einen Anstieg um 10,5 Prozent auf 3166 Fälle, wie aus jetzt veröffentlichten Zahlen des Landesamts für Statistik Niedersachsen hervorgeht.

Auch die Schuldnerberatungen in der Region spüren diesen Anstieg – sowohl bei der Zahl der Privatinsolvenzen als auch bei der Zahl der Schuldnerberatungen. „Der Hauptgrund ist die Teuerungsrate“, sagt Dorothee Rensen, Leiterin der Schuldnerberatung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Oldenburg-Ammerland. Der starke Anstieg der Energiekosten, Mieten und Lebensmittelpreise sei für Geringverdiener besonders belastend. „Zugleich fehlen die Einsparpotenziale“, sagt sie. Bei vielen Betroffenen sei der Gürtel bereits zuvor eng geschnallt gewesen, sodass sie ohnehin schon auf Urlaubsreisen oder teure Hobbys verzichtet hätten.

„Das ist eine Entwicklung, die wir über alle Altersstufen feststellen“, sagt Rensen. Junge Erwachsene seien davon ebenso betroffen wie Familien sowie Rentnerinnen und Rentner. Was allerdings auffalle: Immer häufiger gerieten auch Bürger mit einer Vollzeitstelle oder Familien, bei denen ein Elternteil Voll- und das andere in Teilzeit arbeite, in finanzielle Schwierigkeiten. „Diese Menschen arbeiten und es reicht trotzdem nicht, das finde ich traurig“, sagt Rensen.

Die Zahlen des Statistischen Landesamts erhärten diese Einschätzung, dass Überschuldung nicht zwingend auch mit Arbeitslosigkeit einhergehen muss. So ist die Zahl der Verbraucherinsolvenzen im vergangenen Jahr auch in Landkreisen und kreisfreien Städten überproportional gestiegen, die eher niedrigere Arbeitslosenquoten aufweisen, etwa in den Kreisen Oldenburg (Anstieg um 71 Prozent), Vechta (plus 33,6 Prozent) und Ammerland (plus 23 Prozent).

Für Schuldnerberaterin Rensen tut sich hier auch ein strukturelles Problem auf. „Es ist gut, dass es Sozialleistungen wie Wohngeld oder Kinderzuschlag gibt, die diesen Menschen helfen“, sagt sie. „Aber besser wäre es, wenn man sie gar nicht bräuchte, sondern diese Menschen die Möglichkeit hätten, mit ihrer Hände Arbeit ihre Familie zu ernähren.“

Privatinsolvenzen 2023 in Region

  • Delmenhorst: 149 Fälle (plus 10,4 Prozent);
  • Emden: 95 Fälle (minus 11,2 Prozent);
  • Oldenburg: 238 Fälle (plus 15 Prozent);
  • Wilhelmshaven: 243 Fälle (plus 38,1 Prozent);
  • Ammerland: 91 Fälle (plus 23 Prozent);
  • Aurich: 227 Fälle (plus 4,6 Prozent);
  • Cloppenburg: 152 Fälle (minus 16 Prozent);
  • Friesland: 147 Fälle (plus 18,5 Prozent);
  • Leer: 233 Fälle (minus 10,4 Prozent);
  • Lk Oldenburg: 106 Fälle (plus 71 Prozent);
  • Vechta: 203 Fälle (plus 33,6 Prozent);
  • Wesermarsch: 115 Fälle (plus 59,7 Prozent);
  • Wittmund: 78 Fälle (plus 11,4 Prozent)

 

Der Nordlicht Newsletter

Jede Woche Freitag für Euch!

Jetzt zum Newsletter anmelden

Weitere interessante Artikel

Wetterextreme, besondere Arbeitsaufträge und eine Verletzung – Tischlerin berichtet von der Walz

Seit zweieinhalb Jahren ist die Varelerin Jade Brumby als „Jade fremd freireisende Tischlerin“ unterwegs. Sie berichtet von besonderen Arbeitsaufträgen und ungewöhnlichen ...

JUBILÄUM BEI FARBEN CRAMER: Mehr als „nur“ Tapetenwechsel

Anzeige

Farben Cramer in Hohenkirchen feiert 30-Jähriges und präsentiert neugestaltete Räume.

Angst vor hohen Pflegekosten – was Betroffene und ihre Kinder wissen müssen

Millionen Menschen sind pflegebedürftig und die Kosten steigen. Vor den Kosten haben viele Angst. Beratungsstellen können helfen und erklären, wann Kinder für ihre Eltern zahlen ...

Queeres Leben in Oldenburg – So steht es um die Akzeptanz

Am 15. Juni gehen wieder Tausende in Oldenburg für die Rechte der queeren Community auf die Straße. Bei manchen ruft das Augenrollen hervor, sie fragen: Braucht es noch einen CSD? ...

Stand-up-Comedy ist genau sein Ding

Nach seiner Querschnittslähmung half ihm auch der Humor wieder auf die Füße. Silas Palkowski aus Metjendorf macht Comedy im und mit dem Rollstuhl. An diesem Donnerstag auch in ...

WOHNPARK AM DEICH: Wohnpark am Deich

Anzeige

Zwei Bremerinnen gründen Pflegedienst „Vielfältig“ für queere Menschen

Queere Seniorinnen und Senioren fürchten Diskriminierung in der Pflege. Hannah und Judith Burgmeier aus Bremen kämpfen deshalb für eine Pflegelandschaft, die alle Lebensrealitäten ...

Aktionstag am 17. Mai könnte Durchbruch für schwule Spieler bedeuten

Die Initiative „Sports Free“ soll Homosexualität im Profifußball endlich sichtbar machen. Warum sich Spieler bisher verstecken und welche Anfeindungen sie befürchten ...

Fischtown Pinguins Bremerhaven starten furios ins Playoff-Finale

Was ein Start ins Playoff-Finale! Die Fischtown Pinguins aus Bremerhaven bezwingen Favorit Eisbären Berlin – und setzen in der Serie das erste Ausrufezeichen. Bremerhaven - Das ...

VOLKSWAGEN TAIGO BEI SCHMIDT + KOCH: Entdecken Sie den Volkswagen Taigo

Anzeige

Gesetz gegen Qualzucht verschärft – Hundezüchter schlagen Alarm

Mit einer Novellierung des Tierschutzgesetzes sollen die Kriterien für die Hundezucht verschärft werden. Hundezüchter befürchten durch den Qualzuchtparagrafen ein Verbot beliebter ...

Nach Anschlag auf Synagoge – Hunderte Menschen setzen klares Zeichen gegen Antisemitismus

Nach dem Brandanschlag auf die Oldenburger Synagoge hat eine große Solidaritätsdemo auf dem Julius-Mosen-Platz stattgefunden. Vertreter der jüdischen Gemeinde zeigten sich tief ...

Alleinerziehende Mutter aus Oldenburg kann ihren Traumberuf nicht lernen

Leandra Loschen möchte Erzieherin werden. Doch die schulische Ausbildung zur Sozialassistentin, die sie dafür braucht, wird nicht in Teilzeit angeboten. Als Alleinerziehende stellt sie das ...

„DAS BETT“ SCHENKT IHNEN LEBENSQUALITÄT: „Wir haben das Bett nicht neu erfunden, aber grandios verbessert“

Anzeige

„Theoretisch kann jeder Mensch zum Täter werden“

Seit knapp 15 Jahren beurteilt der Diplompsychologe Rainer Meyer-Kelling mutmaßliche Gewaltverbrecher im Nordwesten. Rein theoretisch könne jeder Mensch zum Täter werden, sagt ...

Der Nordlicht Newsletter

Jede Woche Freitag für Euch!

Jetzt zum Newsletter anmelden

Alle Events & Termine der Region