Langzeitarbeitslose aus Emden freut sich dank Bürgergeld auf neue Perspektiven

Artikel vom 19.09.2023

Jens Voitel

Entwickelten gemeinsam einen Plan: Stefanie Andres (links) mit ihrer Arbeitsvermittlerin Marie Hennig vom Emder Jobcenter. | Bild: Jens Voitel

Was bringt das neue „Bürgergeld“? Der Emderin Stefanie Andres womöglich eine Chance, nach langer Arbeitslosigkeit zurück in einen Beruf zu kommen.

Emden - Als die langjährige Patientin plötzlich starb, war für Stefanie Andres klar, dass es so für sie nicht weitergehen kann. Fast acht Jahre hatte die heute 38-Jährige als Krankenpflegehelferin gearbeitet, erst im Krankenhaus, zuletzt bei einem Pflegedienst. Immer wieder starben Patienten, der Tod gehörte zur Jobbeschreibung. Aber jetzt war es anders: „Ich konnte das nicht mehr“, sagt Stefanie Andres in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Immer weniger Zeit für die Patienten, immer mehr Zeitdruck, immer mehr Stress. „Dafür habe ich den Beruf nicht gelernt.“

Hinzu kamen das kranke Kind und der Ehemann, der nach zwei Herzinfarkten gesundheitlich angeschlagen war. Sie musste sich immer wieder krank melden, weil sie zuhause gebraucht wurde. Das alles war zu viel. Stefanie Andres kündigte.

Job für wenig Geld

Das war 2019. Die junge Emderin war fortan arbeitslos, rutschte nach einem Jahr in Hartz IV – auch weil der schulpflichtige, unter Autismus und Aufmerksamkeitsstörungen (ADS) leidende Sohn mehr und mehr ihre ganze Aufmerksamkeit benötigte und die Sorge um den erkrankten Mann ihr zusätzlich die Luft nahm. Es reichte gerade einmal, um nebenbei für wenig Geld als Reinigungskraft zu jobben. Aber sollte das jetzt alles gewesen sein?

Anfang dieses Jahres, als sich die Lage daheim etwas verbessert hatte, stieß Stefanie Andres auf eine Qualifizierungsmaßnahme als „psychologische Beraterin“. Das klang interessant. Mit dieser Idee sprach sie bei Marie Hennig vor. Die Arbeitsvermittlerin im Emder Jobcenter sah dafür in Ostfriesland allerdings nur wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt, eine Förderung war ausgeschlossen. Doch die beiden blieben dran.

Notfalls mit Druck

„Vor der Einführung des Bürgergeldes hätten wir alles getan, damit Frau Andres möglichst schnell wieder in die Pflege zurückkehrt“, räumt André Jentzsch ein. Der Teamleiter Markt und Integration im Emder Jobcenter will damit zwar nicht sagen, dass man dabei nicht auf die persönliche Situation der Arbeitslosen Rücksicht genommen hätte. Allerdings sah der Gesetzgeber bis Ende Juni vor allem die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt vor – notfalls mit entsprechendem Druck. Mit dem Bürgergeld will man dagegen den Langzeitarbeitslosen seit dem 1. Juli nun nicht mehr jeden Job aufdrücken, sondern langfristiger denken. Qualifizierungsmaßnahmen sollen dafür sorgen, dass die Arbeitslosen nicht von einem Hilfsjob zum anderen geschickt werden. „Das gibt uns mehr Möglichkeiten“, bestätigte Arbeitsvermittlerin Marie Hennig.

Ein neuer Beruf

Im Mai besuchte Stefanie Andres eine vom Jobcenter organisierte „Qualifizierungsmesse“ mit dem vielversprechenden Titel „Chance 23“ und kam dort mit zwei Bildungsträgern ins Gespräch, die von einer Qualifizierung zur „Pädagogischen Assistenzkraft“ berichteten. Ein ganz neuer Beruf, wurde ihr gesagt. Das sind Unterstützer, die sich in Kindergärten, Vorschulen, Schulen und in anderen Einrichtungen um Kinder und Jugendliche kümmern sollen. Als Begleiter, sozusagen. „Ich habe in den vergangenen Jahren so viel bei der Betreuung meines eigenen Kindes gelernt, dass ich sofort gedacht habe: das ist etwas für mich.“

Im Oktober beginnt die sechsmonatige Qualifikation. Am Ende soll ein Zertifikat stehen. Und der Arbeitsmarkt bietet gute Chancen, sagt Marie Hennig vom Jobcenter. Für Stefanie Andres hat schon jetzt ein neuer Lebensabschnitt begonnen: „Ich sehe wieder eine Perspektive.“ Sie sei voll motiviert.

André Jentzsch würde sich wünschen, dass noch mehr Arbeitslose dem Weg von Stefanie Andre folgen würden. „Wir wollen die Menschen davon überzeugen, welche Chancen eine Qualifizierungsmaßnahme bietet." Zwar liegt jeder Fall anders, aber das Bürgergeld biete nun die Möglichkeit, dass Arbeitslose längerfristig auf den Arbeitsmarkt zurückkehren – mit einer neuen Qualifikation oder sogar mit einem neuen Berufsabschluss.


 

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