Nach Anschlag auf Synagoge – Hunderte Menschen setzen klares Zeichen gegen Antisemitismus

Artikel vom 18.04.2024

Dr. Irmela Herold und  Friederike Liebscher

Demo nach dem Brandanschlag in Oldenburg: Viele Menschen setzten am Sonntag am Julius-Mosen-Platz ein Zeichen gegen Antisemitismus. Bild: Friederike Liebscher

Nach dem Brandanschlag auf die Oldenburger Synagoge hat eine große Solidaritätsdemo auf dem Julius-Mosen-Platz stattgefunden. Vertreter der jüdischen Gemeinde zeigten sich tief beeindruckt.

Oldenburg - Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Oldenburg haben sich am Sonntagmittag viele Menschen zu einer Solidaritätsdemonstration am Julius-Mosen-Platz versammelt. Nach Angaben der Polizei kamen rund 550 Menschen mit vielen Israelfahnen und Plakaten. Die Veranstalter zählten 750 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Angemeldet hatten die Kundgebung das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus sowie die Deutsch-Israelische Gesellschaft. „Juden können in unserer Gesellschaft nicht mehr ohne Angst offen leben“, kritisierten sie.

Am Freitagmittag hatten Unbekannte einen Brandsatz gegen eine Tür der Synagoge geworfen. Ein Hausmeister-Team des benachbarten Kulturzentrums PFL entdeckte das Feuer sofort und löschte es. Verletzt wurde niemand. Die Sicherheitsmaßnahmen für die jüdische Gemeinde wurden nach dem Vorfall verstärkt.

Zuletzt weniger Vorfälle

Ein halbes Jahr nach dem Hamas-Angriff und dem Beginn der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen ist die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland leicht rückläufig. „Die Zahl der antisemitischen Straftaten, die im vierten Quartal 2023 auf ein Rekordniveau gestiegen war, ist in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres wieder etwas zurückgegangen“, bilanzierte der Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Er bleibe dennoch besorgt, denn die Stimmung sei immer noch sehr stark gegen Israel eingestellt, sagte er.

Bei der Oldenburger Kundgebung am Sonntag trat als erste Rednerin Niedersachsens Landtagspräsidentin Hanna Naber auf. „Nach den Vorfällen auf der Documenta, der Berlinale, dem Angriff der Hamas auf Israel nun auch Oldenburg“, rief die Oldenburger SPD-Politikerin. „Wir stellen uns bewusst und sichtbar an die Seite der jüdischen Gemeinde.“

Oldenburgs evangelischer Bischof Thomas Adomeit warnte davor, dass sich die Gesellschaft von der Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens entferne. „Wie schwer muss es am Freitag gewesen sein, zum Sabbat in der Synagoge zusammenzukommen. Wir stehen an der Seite der jüdischen Gemeinde“, sagte er.

Das betonte auch Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD). „Ich hoffe, der Täter wird bald ausfindig gemacht. Ich betrachte das nicht nur als Angriff auf die jüdische Gemeinde, sondern auf uns alle.“

Ergriffen zeigte sich Claire Schaub-Moore, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Oldenburg. „Von uns sind heute viele hier dabei. Ich bin beeindruckt von der Solidarität, auch schon bei der Mahnwache am Freitagabend. Das ist größer als das, was vor unserer Synagoge passiert ist“, sagte sie. Nach den Redebeiträgen setzte sich der Demozug rund um die Innenstadt in Bewegung.

Schon am Freitag hatte es eine spontane Mahnwache vor der Oldenburger Synagoge gegeben, zu der Hunderte Menschen kamen. Sie zeigten ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde, die in dem Gotteshaus zu dieser Zeit den Sabbat feierte.

Keine neuen Hinweise

Neue Hinweise auf den oder die Täter gab es am Sonntag indes noch nicht. Das teilte die Polizei auf Nachfrage mit. Sie will den Fall „unter Hochdruck“ aufklären. Es sei eine Ermittlungsgruppe unter Leitung des polizeilichen Staatsschutzes eingerichtet worden, hieß es weiter. Auch die Staatsanwaltschaft Oldenburg sei umgehend eingebunden worden.

Wer Hinweise zum Tatgeschehen oder möglichen Tätern geben kann, wird gebeten, sich mit der Polizei unter der Telefonnummer 0441/790-4115 in Verbindung zu setzen.


 

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