Norddeutsche Tourismusbranche wächst wieder – und ächzt unter Problemen

Artikel vom 28.02.2024

Arne Haschen

Urlauber auf der Insel Norderney: Der Tourismus im Nordwesten erholt sich aktuell weiter von den Corona-Jahren, hat aber immer noch mit altbekannten Problemen wie dem Mangel an (Fach)Kräften und ausufernder Bürokratie zu kämpfen. Auf einer Tagung der IHK Nord diskutierten Experten die Zukunft der Branche. Bild: Symbolbild | Vicky/Pixabay

Tourismus in Norddeutschland erfreut sich wieder großer Nachfrage – viele Menschen machen gern Urlaub an der Küste. Arbeitskräftemangel und Bürokratie belasten die Branche aber weiter, wie auf einer Tagung der IHK Nord diskutiert wurde.

Papenburg/Im Nordwesten - Wie steht es um die norddeutsche Tourismusbranche? Die Jahre der Corona-Lockdowns sind vorbei und auch die Verteuerungen durch den Ukraine-Krieg haben Hotels und Gaststätten erstaunlich gut verwunden: 2023 war ein starkes Jahr für den Tourismus – vor allem in Nähe zur Nordseeküste –, mit Zahlen, die nur noch knapp unter dem Rekordjahr 2019 liegen. Trotzdem kränkelt die Branche an dramatischen Arbeitskräftemangel sowie Bürokratie. Gleichzeitig gilt auch für sie das Gebot, nachhaltiger zu werden. Genau darüber haben rund 100 Vertreter der Branche am Donnerstag in Papenburg auf der Norddeutschen Tourismuskonferenz der IHK Nord diskutiert.

Hauptproblem: Mangel an Mitarbeitern

„Es gibt keine einfachen Antworten“, fasste Dr. Bernhard Brons, Vorsitzender der IHK Nord und Präsident der IHK Ostfriesland und Papenburg, die Konferenz im Gespräch mit der Redaktion zusammen. Die Verhältnisse innerhalb der Branche seien sehr verschieden – ein Hotelier auf einer Nordseeinsel, ohne Platz zur räumlichen Erweiterung oder zur Einrichtung neuer Mitarbeiterwohnungen, stehe in der Regel vor anderen Herausforderungen als ein Betrieb am Festland. Mitarbeiter in der Touristik zu gewinnen und zu halten, was aktuell als Hauptproblem der Branche angesehen wird, sei deshalb „immer individuell zu lösen.“ Die viel zitierte Viertagewoche ist hier auch kein Allheilmittel, sondern lediglich ein Werkzeug von vielen, wie während eines Panels zum Thema Wettbewerbsfähigkeit des Tourismus diskutiert wurde. Denn, so eine Gastronomin aus dem Publikum: „Die Arbeit, die getan werden muss, wird ja nicht weniger, nur weil die Leute einen Tag freihaben.“ Und manche Mitarbeiter würden gar nicht weniger arbeiten wollen – weil das Geld zum Leben sonst nicht reicht. „Vom Mindestlohn kann man in Hamburg kaum leben, aber was sind Touristen am Ende bereit, zu zahlen? Kann ich alles verteuern?“ fragte eine Touristikerin aus der Hansestadt.

Nachhaltigkeit vs. Parkplatz-Einnahmen

Als ein Ärgerthema identifizierten die Touristiker Verkehr, speziell im Sinne von Nachhaltigkeit. Denn eine Anreise mit Bus und Bahn sei vielerorts nicht verlässlich möglich, zugleich würde Druck auf die Branche ausgeübt, für weniger Autobelastung zu sorgen. „Gleichzeitig gibt es immer mehr Parkflächen, weil das für Gemeinden ein verstecktes Einkommen ist. Das passt nicht zusammen“, sagte ein Teilnehmer des Panels. Überhaupt müssten Stadtplaner enger mit dem Tourismus zusammenarbeiten, um bessere Synergien zu schaffen, so eine weitere Forderung.

Branche ächzt unter zunehmender Bürokratie

Analog zu Deutschlands Bauern leiden die Betreiber von Hotels und Restaurants aktuell auch unter einem erheblichen bürokratischen Aufwand: Bei einer Teilnehmerbefragung der Tagung wählte die überwiegende Mehrheit dies als eine akute Belastung. Ein Touristiker berichtete, sein Unternehmen habe zwei Vollzeitkräfte allein für die Büroarbeit einstellen müssen – sonst seien die erforderlichen Nachweise unmöglich zu schaffen. Laut der IHK Nord fallen im Gastgewerbe 125 gesetzliche Verpflichtungen an, wovon bis zu 70 Prozent nicht im Zusammenhang mit dem Unternehmensprozess stehen, sondern für die Behörden ausgeführt werden. Im Durchschnitt mache ein Unternehmer 14 Überstunden pro Woche, um den staatlichen Pflichten nachzukommen.

Die Politik müsse jetzt endlich Weichen stellen, um diese bekannten Probleme zu lösen, sagte Bernhard Brons am Donnerstag. Hausaufgaben stünden aber auch innerhalb der Branche an: „Betriebe, die aktuell keine Mitarbeiter mehr bekommen, müssen sich dann auch fragen, ob sie wirklich noch so arbeiten wollen wie früher“, so der IHK Nord-Chef. Dafür sei ehrliche Reflexion nötig, genau wie die Bereitschaft, sich und den eigenen Betrieb zu verändern. Brons: „Junge Menschen, die Lust auf diese Branche ganz nah am Menschen haben, gibt es. Wir müssen sie aber auch für uns begeistern.“

Tourismus in 2023

Das Landesamt für Statistik bestätigt für 2023 eine Erholung der Tourismus-Branche: Das Niveau des Vor-Coronajahres 2019 konnte noch nicht wieder erreicht werden, die Zahl der Gäste in Niedersachsen ist von 2022 auf 2023 aber um 10,2 Prozent auf insgesamt 15 Millionen gestiegen (2,5 Prozent weniger als 2019). Einen starken Zuwachs gab es bei ausländischen Gästen, von denen 1,5 Millionen gezählt wurden – plus 20 Prozent.

Die Zahl der Übernachtungen zog zusammen mit den Gästen wieder an, auf 45,7 Millionen im Jahr 2023 (plus 5,6 Prozent gegenüber 2022). Das sind allerdings noch 550?000 weniger als im bisherigen Rekordjahr 2019, als 46,2 Mio. Übernachtungen in Niedersachsen gezählt wurden. Die meisten gab es im Vorjahr demnach an der Nordseeküste (8 Mio.) sowie in der Lüneburger Heide (7 Mio.).

Der Winter ist für die Touristiker immer weniger eine Nebensaison: Laut dem Landesamt suchten im Dezember 2023 mehr als 832?000 Gäste ein Bett in Niedersachsen, rund 12,6 Prozent mehr als im Jahr davor. Die Zahl der Übernachtungen stieg um neun Prozent auf 2,2 Millionen.


 

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