Probleme mit dem Selbstwertgefühl nehmen zu – was dagegen hilft

Artikel vom 20.03.2024

Sandra Binkenstein

Die Berater Gabriele Vogel-Wellmann und Werner Mayer wissen, wie sehr Menschen von einem gesunden Selbstwert profitieren. Bild: Sandra Binkenstein

Viele Menschen fühlen sich minderwertig oder überhöhen ihren Selbstwert übertrieben. Woran das liegt und was wir für ein gesundes Selbstwertgefühl tun können, erklärt ein Beraterteam aus Oldenburg.

Oldenburg/Im Nordwesten - Ein gesundes Selbstwertgefühl – das bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen, für die eigenen Bedürfnisse zu sorgen, sich anderen Menschen gegenüber gleichwertig zu fühlen und sich Fehler zuzugestehen. „Wer einen gesunden Selbstwert hat, geht entspannt durchs Leben, muss nicht ständig um Anerkennung oder Aufmerksamkeit kämpfen, muss sich weder wichtigmachen noch kleinreden. Doch immer weniger Menschen haben so ein gesundes Selbstwertgefühl“, sagt Werner Mayer. Der Diplom-Sozialwissenschaftler und Heilpraktiker für Psychotherapie erklärt zusammen mit Gabriele Vogel-Wellmann, der Oldenburger Supervisorin und Individualpsychologischen Beraterin, warum die Menschen offenbar zunehmend mit ihrem Selbstwert zu kämpfen haben und was sie dagegen tun können. Beide sind Mitbegründer von „INpuls – Institut für professionelle Weiterbildung und lebendige Selbsterkenntnis“.

Die Ursachen

Der Kern aller Ursachen für einen gestörten Selbstwert sei die zunehmende Komplexität der Welt. „Wir haben unendlich viele Wahlmöglichkeiten. Der Mensch muss heute zwanzigmal mehr Entscheidungen in der Stunde treffen als noch vor zwanzig Jahren“, sagt Werner Mayer. „Dass wir beruflich und privat viel mehr Möglichkeiten haben, ist zwar grundsätzlich gut, aber es verunsichert uns auch.“

Auch die globale Lage sorge für Verunsicherung. „Die Kriege und Konflikte auf der Welt machen vielen Menschen Angst“, sagt Gabriele Vogel-Wellmann. „Das ist normal. Doch Angst schränkt uns in unseren Möglichkeiten und Handlungsspielräumen ein. Wir greifen dann schnell auf Verhaltensmuster zurück, die wir in der Kindheit gelernt haben: Wir passen uns zum Beispiel zu stark an äußere Erwartungen an oder reagieren mit übertriebener Ablehnung.“

Auch die Corona-Pandemie hat zur Verunsicherung der Menschen beigetragen – sie haben erfahren, dass die gewohnte gesellschaftliche Ordnung sich von heute auf morgen verändern kann.

Nicht zuletzt habe sich die Arbeitswelt stark gewandelt, sagt Werner Mayer. „Die Arbeitsabläufe sind so verdichtet und komplex geworden, dass immer mehr Menschen bei der Arbeit einfach nur noch funktionieren, um alles zu schaffen, was von ihnen erwartet wird. Ihr eigenes Selbst, ihre Bedürfnisse und Gefühle blenden sie komplett aus.“ Das habe zur Folge, dass sich die Menschen als eher wertlos erleben.

Die Folgen

„Der Selbstwert kann in zwei Richtungen gestört sein“, sagt Gabriele Vogel-Wellmann: „In der Kür und in der Pflicht.“ Manche Menschen würden ihren Selbstwert stark überhöhen, um ein Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren. „Das sind Menschen, die in der Kür übertreiben. Sie wollen alle Möglichkeiten, die ihnen offenstehen, ausschöpfen. Sie vergessen dabei leicht, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind und ein gesunder Selbstwert auch bedeutet, den Wert der anderen Menschen anzuerkennen.“ Außerdem, erklärt Vogel-Wellmann, gebe es die Menschen, die in der Pflicht übertreiben: Die alles schaffen und es jedem recht machen wollen – und die sich dabei selbst völlig vergessen. Das kann letztlich auch gesundheitliche Folgen haben.

Die Lösung

Eine einfache Lösung gebe es nicht, sagt Werner Mayer. Der Weg zu einem gesünderen Selbstwert bedeute durchaus Arbeit. „Zum einen ist es wichtig, dass die Menschen wieder lernen, ihre Selbstwirksamkeit zu spüren. Dass sie merken, dass sie die Möglichkeit haben, Einfluss zu nehmen. Und sie müssen wieder lernen zu spüren, was sie eigentlich brauchen – zum Beispiel eine Pause.“ Sich gut um seinen eigenen Organismus zu kümmern sei ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einem gesunden Selbstwert.

Besonders wichtig sei es, die Balance zu finden zwischen sozialer Verantwortung und Selbstfürsorge, sagt Gabriele Vogel-Wellmann. Die gute Nachricht: „Das kann man lernen, zum Beispiel mit der Hilfe von Beratern und Therapeuten. Und es lohnt sich“, sagt Gabriele Vogel-Wellmann. „Es gibt Studien, die belegen: Der gefühlte Selbstwert steigt langsam und stetig an und ist im Alter zwischen 60 und 70 Jahren am höchsten. Das zeigt, dass der Selbstwert nicht davon abhängig ist, wie gut man aussieht oder was man auf dem Arbeitsmarkt leisten kann. Im Gegenteil. Ein gesunder Selbstwert kommt von innen.“


 

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