Stalking – Warum sich Staatsanwälte und Richter damit schwertun

Artikel vom 31.01.2024

Katja Lüers

Ist Rechtsanwalt für Opferrechte und Landesvorsitzender beim Weißen Ring:Steffen Hörning aus Göttingen. Bild: Weißer Ring/Angelika Stehle

Als Anwalt für Opferrechte erlebt Steffen Hörning die Angst von Stalking-Opfern jeden Tag. Was er aufseiten der Justiz vermisst, erklärt der Landesvorsitzende vom Weißen Ring im Interview.

Angst gehört zu seinem Alltag: Steffen Hörning ist Rechtsanwalt für Opferrechte und niedersächsischer Landesvorsitzender beim Weißen Ring. Für den Göttinger steht außer Frage, dass das Thema Stalking mehr Beachtung in unserer Gesellschaft finden muss.

Stalking – die unterschätzte Gewalt, warum immer noch unterschätzt?

Hörning: Stalking ist nach außen nicht sichtbar und deshalb für viele Menschen nur schwer nachzuvollziehen. Wenn jemand ein blaues Auge hat, wissen wir, dass dieser Person etwas passiert ist, dass ihm oder ihr Schaden zugefügt worden ist. Jemand, der über Monate gestalkt wird und psychische Gewalt erfährt, dem sieht man hingegen äußerlich nichts an. In unserer Gesellschaft fehlt für diese Form der Gewalt immer noch das Bewusstsein.

Was müsste passieren, damit Stalking nicht mehr unterschätzt wird?

Hörning: Stalking muss deutlich mehr in das Bewusstsein unserer Gesellschaft rücken: Da sind insbesondere Staatsanwaltschaften und Gerichte gefragt. Die Polizei sammelt zwar akribisch die Informationen, die ihnen die Opfer zur Verfügung stellen, und leistet gute Arbeit. Aber wie belastend die Situation für die Betroffenen ist, können weder Staatsanwälte noch Richter oft nachvollziehen. Als Opferanwalt erlebe ich es immer wieder, dass auf dieser Seite das Thema nicht wirklich ernst genommen wird, dass sie – eher unbewusst – die Einstellung vertreten: „So schlimm ist es doch gar nicht.“ Und natürlich, Stalking ist kein Mord, aber es ist ein Strafbestand, der zu einer Gefängnisstrafe führen kann.

Der Weiße Ring steht jährlich 700 Stalking-Opfern bei – die Zahl klingt gar nicht einmal so hoch. Wie schätzen Sie die Dunkelziffer ein?

Hörning: Deutlich höher. Denn viele Opfer, es sind fast ausschließlich Frauen, trauen sich nicht, Anzeige zu erstatten. Sie haben Angst, dass der Täter dann noch übergriffiger wird – unter dem Motto: „Jetzt hast Du mich angezeigt, da wirst Du schon sehen, was Du davon hast.“ Typisch ist auch, dass Betroffene denken, dass der Spuk von allein endet, wenn sie nur lange genug warten.

Was raten Sie den Opfern?

Hörning: Sich zu wehren, frühzeitig aktiv zu werden, die Polizei ins Bild zu setzen und Anzeige zu erstatten. Auch eine Unterlassungsverfügung hilft. Ob man Erfolg damit hat, bleibt dennoch ungewiss. Abzutauchen oder gar den Wohnort zu wechseln, darf aber keine Lösung sein. Man muss es dem Täter so schwer wie möglich machen.

Sofies Freund hatte überlegt, sich den Täter zur „Brust zu nehmen“. Was raten Sie Angehörigen?

Hörning: Es ist niemandem zu empfehlen, einer Straftat mit einer anderen Straftat zu begegnen. Aber Angehörige können helfen, indem sie präsent sind, beispielsweise wenn der Täter wieder auftaucht und sie ihm gegenüber eine deutliche Ansprache finden. Und in jedem Fall die Polizei rufen, Fotos und Videos machen, um alles zu dokumentieren, damit die Staatsanwaltschaft am Ende ausreichend Materialien in der Hand hat, um Anklage nach Paragraf 238 des Strafgesetzbuchs erheben zu können. Nochmals: Stalking ist ein Straftatbestand.

Aus Ihrer Perspektive als Anwalt: Was ist noch möglich?

Hörning: Die Opfer-Anwälte müssen Druck machen, vor allem bei denjenigen Tätern, die unbelehrbar sind, die immer wieder Opfer bedrängen und ihnen nachstellen. Ich habe unter anderem bei einem Täter einen Langzeitgewahrsam durchsetzen können – da war der Täter wenigstens mal für zehn Tage von der Bildfläche verschwunden. Und bei Verstößen gegen die Gewaltschutzanordnung, beispielsweise, wenn der Täter sich dem Opfer trotz Kontaktverbot nähert, sofort Anklage erheben, denn das ist eine Straftat! Beim ersten Mal gibt es vielleicht nur eine Geldstrafe, beim zweiten Mal noch eine Freiheitsstrafe auf Bewährung, aber beim dritten Mal reicht es eventuell fürs Gefängnis. Nur mit dieser Sanktionskette kommt man – wenn überhaupt – unbelehrbaren Stalkern bei.

Zur Person

Steffen Hörning ist Rechtsanwalt für Opferrechte und ehemaliger Staatsanwalt. Er lebt und arbeitet in Göttingen. Seit 2022 leitet er zudem für den Weißen Ring den Landesverband Niedersachsen.


 

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