„Theoretisch kann jeder Mensch zum Täter werden“

Artikel vom 03.04.2024

Josepha Zastrow

Psychologische Gutachten vor Gericht: Rainer Meyer-Kelling aus Meppen begutachtet Gewalttäter und Mörder. (Symbolbild). Bild von Sang Hyun Cho auf Pixabay

Seit knapp 15 Jahren beurteilt der Diplompsychologe Rainer Meyer-Kelling mutmaßliche Gewaltverbrecher im Nordwesten. Rein theoretisch könne jeder Mensch zum Täter werden, sagt er. 

Forensische Gutachter werden häufig von Gerichten beauftragt, wenn die Schuldfähigkeit eines mutmaßlichen Täters eingeschätzt werden soll. Diplompsychologe Rainer Meyer-Kelling aus Meppen beurteilt mutmaßliche Gewaltverbrecher im Nordwesten. Unserer Redaktion erklärt er, warum theoretisch jeder Mensch zum Täter werden könnte.

Was fasziniert Sie an Ihrer Tätigkeit?

Meyer-Kelling: Ich finde es spannend, hinter die Fassade der mutmaßlichen Täter zu blicken. Als Gutachter wird man in der Regel mit ziemlich heftigen und schwerwiegenden Taten betreut. Vom ersten Eindruck bis hin zum fertigen Gutachten mit Delikthypothese und Aussagen zur Schuldfähigkeit ist es aber ein langer Weg, der viel Einarbeitung in den Fall erfordert – besonders die Frage der Schuldfähigkeit ist eine anspruchsvolle. Ob der mutmaßliche Täter als vermindert schuldfähig eingeschätzt werden kann oder nicht, darauf basierend, werden das Strafmaß sowie die weitere Verfahrensweise festgelegt. Der Gutachter fragt sich, welche Bedingungen und Motive zur Tat geführt haben könnten. Je mehr man sich mit diesen Fragen beschäftigt, umso deutlicher wird häufig auch das Bild.

Wann ist jemand schuldfähig?

Meyer-Kelling: Das ist in erster Linie eine juristische Frage. Im Strafgesetzbuch geht es vor allem um die sogenannte „Einsichts- und Steuerungsfähigkeit“ – das meint die Fähigkeit, das Strafrechtliche des eigenen Tuns überhaupt einzusehen. Ob jemand also während der Tat weiß, dass er gerade eine Straftat begeht. Und ob er weiter in der Lage ist, das eigene Handeln zu steuern, nachdem er eingesehen hat, dass es Unrecht ist. Um dies zu beurteilen, werden bestimmte psychologische Merkmale untersucht: Schwachsinn, krankhafte seelische Störung oder schwere seelische Abartigkeit. Diese historischen Begriffe klingen zwar sehr altertümlich, haben aber im Strafrecht eine andere Bedeutung als heute in der Psychologie. „Schwachsinn“ zum Beispiel ist in der Psychologie eine Minderbegabung, eine „seelische Abartigkeit“ bezeichnet eine Persönlichkeitsstörung, eine Depression oder Ängste. Und unter einer „krankhaften seelischen Störung“ lassen sich psychische Erkrankungen mit organischer oder genetischer Ursache verstehen – etwa eine Psychose oder eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung. Die Wissenschaft sieht heute vieles anders, aber in der Begutachtung muss man sich trotzdem mit diesen Begrifflichkeiten auseinandersetzen.

Könnte jeder Mensch zum Mörder werden?

Meyer-Kelling:Rein theoretisch ist es schon möglich, dass jeder unter bestimmten Lebensbedingungen zum Täter werden könnte. Das ist streng genommen eine Wahrscheinlichkeitsfrage. Dies ist zum Beispiel auch in Kriegsgebieten zu beobachten, dort gibt es extreme Situationen, in denen auch normale Menschen zum Täter werden können. Bis aber jemand auf diese Art und Weise die Kontrolle verliert und seinen Aggressionen derart freien Lauf lässt, müssen viele Dinge auf einen Menschen eintreffen. Niemand ist also so ganz davor gefeit.

Und warum wird jemand zum Gewalttäter?

Meyer-Kelling: Da können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Menschen, die in einem gewaltvollen Umfeld aufwachsen, haben ein erhöhtes Risiko, selbst zum Täter zu werden. Aber es ist auch wichtig zu betonen, dass dies nicht sein muss, es gibt viele Menschen, die als Kinder Gewalt erleben und nicht zu Tätern werden. Auch das soziale Umfeld im Jugend- und Erwachsenenalter kann dazu führen, dass jemand gewalttätig wird, beispielsweise im Rahmen von Drogenkriminalität. Es gibt aber auch die Arten von Tätern, die bis zu ihrem 40. oder 50. Lebensjahr komplett unauffällig sind und dann plötzlich ein Tötungsdelikt ausüben. Da hat sich dann oft über lange Zeit etwas aufgebaut oder aufgestaut.

Welche drei Kriterien muss ein guter Gutachter erfüllen?

Meyer-Kelling:Man sollte sich erstens an das Handwerkszeug halten, alle Informationen zusammentragen und ein nachvollziehbares Gutachten erstellen. Zweitens sollte eine gewisse emotionale Distanz zu dem Fall gehalten werden, damit eine sachliche Perspektive eingenommen werden kann. Eine Abneigung gegen den Täter oder ein Erschrecken über die Tat sollte also nicht dauerhaft vorhanden sein. Und drittens müssen sich die Täter selbst fair beurteilt fühlen.

Zur Person

Rainer Meyer-Kelling ist Diplompsychologe. Seit 2010 schreibt er forensische Gutachten für Gerichte. Hauptamtlich ist er als Psychotherapeut und Psychologe bei der JVA Meppen tätig. Als forensischer Gutachter beurteilt er mutmaßliche Täter von Gewaltverbrechen.


 

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