Wetterextreme, besondere Arbeitsaufträge und eine Verletzung – Tischlerin berichtet von der Walz

Artikel vom 18.06.2024

Traute Börjes-Meinardus

Jade Brumby (rechts) ist auf der Walz viel herumgekommen. Bild: Privat

Seit zweieinhalb Jahren ist die Varelerin Jade Brumby als „Jade fremd freireisende Tischlerin“ unterwegs. Sie berichtet von besonderen Arbeitsaufträgen und ungewöhnlichen Reiseerlebnissen.

Varel - Mit dem Überklettern des Ortsschildes in Varel begann im Dezember 2021 für Jade Brumby die Walz und aus der 23-jährigen Tischlergesellin aus Varel wurde „Jade fremd freireisende Tischlerin“. Mindestens drei Jahre und einen Tag darf sie jetzt ihren Heimatort nicht betreten. Sie hat viel gesehen, musste aber auch einige Tiefschläge einstecken.

Die junge Frau musste sich an viele Regeln auf der Walz gewöhnen: Übernachten darf sie nur, wo es nichts kostet, und auch ein Zelt gehört nicht zum Gepäck, lediglich ein Schlafsack. Auch für die Fortbewegung darf kein Geld ausgegeben werden und so wird meistens gewandert oder getrampt. In ihrem ersten Jahr, das sie nur im deutschsprachigen Raum verbringen durfte, hat sie viel Spannendes erlebt und nicht nur in Zimmereien und Tischlereien gearbeitet, wo sie unter anderem gelernt hat, große Hoftore zu bauen, sondern auch in einer Schuhmanufaktur, um ein neues Paar Wanderschuhe zu bekommen. Bei einer Hutmacherin konnte sie ihren Hut, „die sogenannte Freiheit“, reparieren. Zudem hat sie drei Wochen einem Imker geholfen, Bienenkästen zu bauen und nebenbei seine Stühle repariert.

Sie ist durch ganz Deutschland gereist, hat sich in Österreich umgeschaut und in der Schweiz arbeiten können. „Ich bin in heißer Sonne an der Straße gelaufen oder habe mir die Beine in den Hintern gestanden, ich bin pitschnass geworden und habe Tage gebraucht, um meine Kluft wieder trocken zu bekommen“, berichtet sie, „ich bin durch knietiefen Schnee gestiefelt und zum ersten Mal in meinem Leben war mir wirklich schweinekalt.“

Beschwerlicher Weg

Im zweiten Jahr ist sie zusammen mit einer fremd freireisenden Feintäschnerin nach England gereist. Der Weg war beschwerlich, durfte doch kein Geld für die Fortbewegung ausgegeben werden. Endlich in England angekommen, mussten sie feststellen, dass Trampen dort nicht so einfach ist. „Mit Daumen an der Straße stehen war nicht sehr erfolgreich, wir haben dann begonnen an Tankstellen den Leuten zu erklären, warum wir trampen, dass wir Wandergesellen aus Deutschland sind und fürs Reisen kein Geld ausgeben“, berichtet Jade.

Die beiden Freireisenden haben sich viel angesehen, aber auch gearbeitet, unter anderem geholfen, ein altes Landgut mit zeitgerechten Materialien zu erhalten. „Ich habe viel übers Mauern gelernt und übers Fugenausbessern“, sagt Jade. Außerdem haben sie für die Übernachtung und die Fahrt nach Dover zwei Tage geholfen, das Herrenhaus zu renovieren.

Im Sulky gezogen

Nach ihrer England-Reise wollte Jade zusammen mit ihrem Vater und ihrer Schwester eine Wanderung zum Watzmann unternehmen. Lange hatte sie sich darauf gefreut, aber es kam anders. Sie riss sich ein Band im Sprunggelenk. Die Wanderung fiel aus und auch die Zeit danach war auf den Kopf gestellt worden. Die Heilungsphase hat sich lange hingezogen. Diese Phase hat Jade aber auch schöne Momente beschert: „Nach drei Wochen Fußhochlegen konnte ich nicht mehr ruhig sitzen und bin mit leichtem Gepäck zur Losgehe von einem Zimmerer gereist. Der Exportgeselle wollte gerne das ich die Woche dabei sein kann und so wurde die Gelegenheit sofort genutzt, auf dem Dorfflohmarkt ein Sulky zu erstehen. Mit dem wurde ich eine Woche lang durchs Weserbergland gezogen.“ Der Zusammenhalt der Freireisenden begeistert sie immer wieder.


 

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