Zwei Bremerinnen gründen Pflegedienst „Vielfältig“ für queere Menschen

Artikel vom 24.04.2024

Maike Schwinum

Mit ihrem Pflegedienst „Vielfältig“ wollen Judith (links) und Hannah Burgmeier mehr Sichtbarkeit für queere Senioren und Seniorinnen schaffen und Sexualität in der Pflege enttabuisieren. Bild: Maike Schwinum

Queere Seniorinnen und Senioren fürchten Diskriminierung in der Pflege. Hannah und Judith Burgmeier aus Bremen kämpfen deshalb für eine Pflegelandschaft, die alle Lebensrealitäten ernst nimmt.

Im Nordwesten - Schätzungen des niedersächsischen Sozialministeriums zufolge gibt es in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen über 60 Jahren, die schwul, lesbisch, bisexuell oder transgeschlechtlich sind. Sie alle könnten irgendwann pflegebedürftig werden und das ist für viele queere Menschen mit großer Sorge verbunden. Sorge vor Ablehnung, Intoleranz und davor, sich wieder verstecken zu müssen.

Der Bedarf für eine Pflege, die sensibel mit Sexualität und Identität umgeht, ist groß, wissen Hannah und Judith Burgmeier aus Bremen. Deshalb haben die beiden „Vielfältig“ gegründet – einen ambulanten Pflegedienst mit dem Schwerpunkt auf Sexualität und geschlechtliche Vielfalt. Gemeinsam wollen sie Sichtbarkeit für die Themen Sexualität im Allgemeinen und queere Lebensrealitäten im Speziellen schaffen. Anfragen gibt es schon zahlreiche, erzählen sie, unter anderem von einem lesbischen Paar, das mit einer Demenzerkrankung zu kämpfen hat.

Judith ist ausgebildete Altenpflegerin und hat Pflege- und Gesundheitswissenschaften sowie Gesundheitsmanagement studiert. Ihre Partnerin Hannah ist gelernte Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin und hat Pflegepädagogik und Sexualwissenschaft studiert.

Lebensgeschichten berücksichtigen

Aber warum braucht es einen spezialisierten Pflegedienst wie „Vielfältig“? Sind queere Menschen nicht längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Ja, sagt Hannah Burgmeier, aber bei allen Fortschritten dürfe man die Biografien der alternden Generation nicht vergessen: „In der Regel sind diese Personen mit der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Handlungen aufgewachsen und mussten sich den Großteil ihres Lebens verstecken.“ Diese Erfahrungen müssten in der Pflege berücksichtigt werden.

„Pflegeeinrichtungen sind in der Regel nicht sensibilisiert auf Lebensrealitäten abseits der Heteronormativität“, sagt Hannah. Weil die körperliche Versorgung über allem anderen stehe, fehle die Zeit und Aufmerksamkeit, um individuelle Bedürfnisse zu besprechen. „Wenn ich der Identität eines älteren Menschen die Relevanz abspreche, dann dränge ich sie zurück in alte Strukturen. Das kann psychische Auswirkungen haben.“ Schließlich dürfe man nicht vergessen, dass Pflegesituationen immer auch Abhängigkeitsverhältnisse sind.

Auch fehlendes Fachwissen spielt eine Rolle, meint Judith Burgmeier: „Die Menschen, die die Aids-Krise der 80er und 90er Jahre überlebt haben und selbst HIV-positiv sind, werden alt.“ Fehlt es der pflegenden Person an Aufklärung oder befürchtet sie gar, sich infizieren zu können, könne dies zu unterschwelliger oder offenkundiger Diskriminierung führen.

Kommunikation ohne Vorurteile

Die queersensible Pflege unterscheidet sich schon bei der ersten Begegnung, meint Hannah: „Es beginnt damit, wie Fragen formuliert werden. Bei der Aufnahme einer weiblichen pflegebedürftigen Person fragen viele Pflegedienste automatisch: ‚Soll ich Ihren Mann als Notfallkontakt eintragen?‘“ Man gehe von Heterosexualität aus und bringe Betroffene so in eine unangenehme Situation. „Die Person muss sich entweder outen oder es für sich behalten, also ihre Identität verschleiern.“ Beim Pflegedienst „Vielfältig“ sollen solche Fragen offen formuliert werden und die Option auf verschiedene Antwortmöglichkeiten bereithalten.

Weil sie einen Kreislauf von sensitiver, bedürfnisorientierter und queerfreundlicher Versorgung schaffen wollen, bieten Hannah und Judith neben dem ambulanten Pflegedienst auch Workshops und Fortbildungen für andere Einrichtungen im Gesundheitswesen an.

Über „Vielfältig“

Hannah und Judith Burgmeier haben „Vielfältig“ im Februar 2024 gegründet. Momentan sind die beiden auf der Suche nach zwei weiteren Pflegefachpersonen, um mit ihrem Pflegedienst starten zu können. Vorwissen zu queeren Themen setzen sie dabei nicht voraus, lediglich Offenheit, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

„Vielfältig“ bietet alle Dienstleistungen eines klassischen ambulanten Pflegedienstes, unabhängig von Alter oder Pflegegrad, in Bremen Mitte.

Mehr Informationen gibt es unter www.vielfaeltig-bremen.de


 

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