Handwerk

Echtes Urlaubsfeeling im eigenen Garten

Buxtehude - Es war ein Montag, da musste Nils Gosebeck seine Strandkorb-Manufaktur schließen. Der Grund: Corona. Ausgerechnet in der für Strandkorbbauer wichtigsten Zeit des Jahres, die im März beginnt. Am nächsten Morgen haben sie sich zusammengesetzt und überlegt, was zu tun ist: Kurzarbeit beantragen, Steuerberater kontaktieren, die Produktion in einem Werk in Indonesien runterfahren.

Zwei Tage dauerte der Corona-Kater, dann rieb sich das Team verwundert die Augen: Die Zahl der Online-Bestellungen explodierte. Und auch das Telefon stand nicht mehr still. „Jeder Zweite sagte: Ich wollte eigentlich nach Italien oder Spanien, aber das wird nichts, jetzt machen wir uns den Garten schön.“

Unzählige Bestellungen

Als sie ihr Geschäft wieder öffnen durften, filmten Fernsehteams die lange Schlange der Kunden vor der Tür. Gosebeck galt plötzlich als Corona-Gewinner. Es ist nicht so, dass die Geschäfte vorher schlecht liefen, 2019 war bereits das beste Jahr der Firmengeschichte. Doch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hat sich die Zahl der Bestellungen noch einmal verdreifacht. Die Lieferzeit beträgt derzeit um die zwölf Wochen, auch das gab es noch nicht. 2004 ist das Familienunternehmen von Kay Gosebeck, dem Vater, gegründet worden.

Christine Samel leitet den „Showroom“ in Buxtehude. Hier stehen Mustermodelle, vom Einsitzer bis zum Zweieinhalbsitzer. Wer sich einen Strandkorb aussucht, muss eine Reihe von Entscheidungen treffen: Welches Holz? Welches Geflecht? Welcher Stoff? „Wir verarbeiten nur Harthölzer, also Mahagoni mit Bootslack oder Teak, klassisch geölt. Teak ist dichter und härter“, erklärt Samel. Am schwersten dürfte den meisten Kunden die Wahl des Stoffes fallen, knapp 100 stehen zur Auswahl. Als Samel vor sieben Jahren aus der Textilbranche zur Strandkorb-Manufaktur wechselte, war Terrakotta der Renner. Und heute? „Grau läuft wie blöd, dann kommt blau, dann andere Farben und die Sand- und Naturtöne.“

Durchschnittlich 2000 Euro muss der Kunde für einen Strandkorb hinlegen. Das Bullauge an der Seite, der Champagnerkühler und die Abdeckhaube kosten extra. „Wir haben auch schon Strandkörbe mit Sitzheizung gebaut“, erzählt Gosebeck. Der muss allerdings vom TÜV abgenommen werden, der prüft, ob schwer entflammbare Materialien verarbeitet wurden.

Zertifizierter Holzanbau

Vom „Showroom“ aus kann man durch Glasscheiben in die Produktionsräume schauen. Hier werden Polster gefertigt und Stoffe zugeschnitten. Rund 45 Mitarbeiter sind in Buxtehude beschäftigt. Weitere 250 arbeiten in Indonesien, denn dort wird geflochten. „Der Beruf Korbflechter ist in Deutschland fast ausgestorben.“ In Indonesien gibt es gesetzliche Mindestlöhne, sagt Gosebeck. Und es gibt das FLEGT-Abkommen, mit dem die EU versucht, den illegalen Einschlag von Tropenhölzern zu unterbinden. Alle Hölzer stammen aus zertifiziertem Anbau, versichert der Firmenchef.

Auch andere Strandkorbbauer freuen sich über den aktuellen „Riesenhype“, wie Enno Cramer, der Geschäftsführer der DekoVries GmbH, es nennt. Die Firma mit Sitz in Apen beliefert überwiegend Fachhändler. „Die sind leergekauft und ordern bereits für 2021.“ Die „Sylt-Strandkörbe GmbH“ produziert wiederum nur für Endverbraucher. Der Klassiker ist der „Westküsten-Zweisitzer“, 155 Zentimeter hoch, 89 tief und 124 breit. Auf Sylt ist das Flechten noch reine Handarbeit. Für das Oberteil benötigt Cemil Mogar, der schnellste und dienstälteste Flechter im Betrieb, an die vier Stunden. Im Jahr fertigt der Traditionsbetrieb in Rantum 800 oder 900 Körbe. Auf Wunsch liefern die Sylter auch nach Sydney, die meisten Körbe bleiben allerdings in Deutschland.

Auch Gosebeck hat Kunden am anderen Ende der Welt. „Das sind oft Deutsche, die ausgewandert sind oder ein typisch deutsches Produkt zeigen wollen“. Ihre Zahl ist allerdings eher gering. Rund 40 Prozent seiner Körbe gehen nach Nordrhein-Westfalen. Viele Kunden konfigurieren sich ihren Strandkorb am heimischen PC, ein Trend, der durch Corona noch verstärkt wurde. Oder sie halten auf dem Weg an die Küste mal kurz an der B 73 in Buxtehude.

Auch Promis als Kunden

Vor dem Geschäft flattert eine große Fahne im Wind – auf halbmast. Es ist die vom HSV. Das hat sportliche Grün-de, sagt Nils Gosebeck. Sein Vater ist Fan des Zweitligisten, er selbst drückt dem FC Bayern die Daumen.

Und wenn ein Kunde einen Strandkorb in den Farben von Werder ordert? „Kein Problem, wenn Sie mir die Lizenz besorgen, können wir das machen.“ Vor Jahren hatten sie mal die Lizenz von Borussia Dortmund, damals sind so um die 200 Körbe für BVB-Fans entstanden. An der Wand hängt ein Foto, auf dem Jürgen Klopp, damals noch Trainer der Schwarz-Gelben, in einem Dreisitzer quer liegt. Auf einem anderen Foto strahlt ein fast noch jugendlicher Strandkorb-Besitzer im Schalke-Dress: Manuel Neuer. Einer der ersten Kunden war Dieter Bohlen, andere Show-Promis wie Helene Fischer und Mickie Krause zogen nach, für Nils Gosebeck willkommene Werbeträger.

Der junge Firmenchef hat selbstverständlich auch einen Strandkorb im Garten. Dort sitzt er gern auch noch im November, wenn nicht gerade Schnee liegt, mit Wolldecke und Glühwein. Denn das ist für einen Strandkorbbauer die ruhigste Zeit des Jahres.

Man unterscheidet bei Strandkörben die Ostsee- und die Nordseeform. Der Nordseestrandkorb ist etwas eckiger und eher gradlinig, die Ostseeform runder.

Den ersten richtigen Strandkorb baute wohl um 1882 der kaiserliche Hofkorbmacher Wilhelm Bartelmann in Rostock. Später gründete er die erste Strandkorbvermietung bei Warnemünde.

 

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