Gesundheit

Nicht nur die Bewegung im Blick haben

Ulm/Berlin - Es ist nicht erst seit Corona ein Problem, doch die Pandemie hat die Lage noch einmal verschlechtert: Es geht um Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. „Es stellt ein zentrales Gesundheitsproblem dar“, sagt Oliver Huizinga von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG).

Bereits vor der Pandemie waren in Deutschland laut Zahlen der DAG von Anfang 2020 rund 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche (15 Prozent) von Übergewicht betroffen, etwa 800 000 von ihnen hatten starkes, therapiebedürftiges Übergewicht – also Adipositas.

Die Gründe für Übergewicht sind rasch erklärt: „Im Prinzip bekommt der Körper zu viel Energie von Lebensmitteln und verbraucht zu wenig in Form von Bewegung“, sagt der Experte. Dadurch entsteht ein Überschuss, der als Fett in den Fettzellen gespeichert wird.

Der unterschätzte Einfluss der Hormone

Zudem spielen Hormone eine Rolle, die oft unterschätzt wird. „Sie sind die Botenstoffe im Körper und regulieren das Wachstum sowie das Gewicht“, sagt Prof. Martin Wabitsch vom Universitätsklinikum Ulm. Dabei sind alle Hormone gemeint, die mit dem Wachstum und dem Energiehaushalt zu tun haben. Das Schilddrüsenhormon (Thyroxin) reguliert zum Beispiel den Stoffwechsel und die Körpertemperatur. Ist zu wenig davon im Körper, nimmt die Person zu. Bei zu viel Thyroxin nimmt sie ab.

Das sogenannte „Hungerhormon“ Leptin wiederum wird im Fettgewebe gebildet und meldet dem Gehirn, wie viel Energie gespeichert vorliegt. „Wenn Fettmasse abgebaut wird und der Leptinspiegel in Folge sinkt, wird – überlebensnotwendig – starker Hunger ausgelöst und das Individuum sucht nach Essen“, erklärt Wabitsch.

Es sei also falsch zu denken, dass die Gewichtsregulation nur der willentlichen Entscheidung des Individuums zugeordnet wird, stellt der Mediziner und Forscher klar. „Zunächst sind es die Hormone, die das Körpergewicht langfristig regulieren.“ Kurzzeitige Gewichtsänderungen – um etwa zehn Prozent – könnten willentlich erreicht werden. „Langfristige Gewichtsabnahmen sind aber nur durch einen extrem kontrollierten Lebensstil möglich.“

Eltern müssen Vorbild sein

Bedeutet das, dass das Kind nichts gegen seine Adipositas „kann“? Ja und nein, lautet die Antwort. „Das Kind selbst kann wenig tun“, sagt Wabitsch. Denn es reagiert unbewusst auf die Umwelt, das Nahrungsangebot und die Möglichkeit der Bewegung. Ohne strenge Kontrolle von außen wird das Ernährungs- und Bewegungsverhalten durch die äußeren Reize und Möglichkeiten vorgegeben. „Das Gewicht pendelt sich auf einem maximalen Wert ein.“

Deswegen reicht Sport allein nicht aus: Er schützt zwar etwas vor Folgekrankheiten wie Typ-2-Diabetes. Und es sei ja auch so, dass sich Kinder und Jugendliche aktuell zu wenig bewegen, sagt Oliver Huizinga. Fokussiert man sich aber nur auf die Bewegung, überschätzt man deren Effekt und die dabei verbrannten Kalorien. Und man unterschätzt dann die Rolle der Ernährung. „Bewegungsförderung allein reicht daher bei Weitem nicht aus“, stellt Huizinga klar.

Ist ein Kind übergewichtig, kann es nur mit Unterstützung der Eltern etwas ändern. „Sie dienen als Vorbilder, als diejenigen, die die Umgebung gestalten“, sagt Mediziner Wabitsch. Auch Mütter und Väter sollten deswegen so gut es geht auf gezuckerte Getränke, Fruchtsäfte, energiereiche Snacks und Fertigprodukte verzichten. Die Zeit vor den Bildschirmen sollten sie ebenfalls reduzieren und sitzende Tätigkeiten durch Gruppenaktivität mit Bewegung im Freien ersetzen.

Betroffene erreicht Aufklärung oft nicht

Die Politik versucht laut Oliver Huizinga seit Jahren, vor allem mit sogenannter Verhaltensprävention, die Ausbreitung von Übergewicht und Adipositas zu stoppen. „Aber diese Strategie gilt als gescheitert, denn die Wirkungen sind minimal und erreichen oft eher Kinder schlanker Eltern und aus bildungsstärkeren Familien.“

Deswegen hält die Deutsche Adipositas-Gesellschaft einen Paradigmenwechsel für geboten. „Für gesundes Essen in Kitas und Schulen brauchen wir verbindliche Qualitätsstandards“, sagt Huizinga. Ungesunde Lebensmittel sollten demnach nicht mehr an Kinder beworben werden dürfen und eine laienverständliche Kennzeichnung mit der Nährwert-Skala Nutri-Score sollte verpflichtend sein.

Mit solchen Maßnahmen erreiche man alle Teile der Bevölkerung, auch Kinder aus sozial benachteiligten Familien, begründet Huizinga.

Martin Wabitsch verweist auf die klaren Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation WHO und der internationalen Dachorganisation zu Übergewicht und Adipositas, der World Obesity Federation: Ein Verbot von Kindernahrungsmittel-Werbung sollte es zum Beispiel ebenso geben wie Steuern auf zuckerhaltige Getränke.

 

Liveticker

Blaulicht-Ticker

Weitere interessante Artikel

Kräutertreiberei

Petersiliengrün

Pantoffeln bringen Farbe ins Haus

Blutspenden in Sandkrug

Malteser bieten Termin in Waldschule an

Frostige Kindheit

Kaltkeimer jetzt noch schnell aussäen

Online-Vortrag

Fledermäuse - mystisch, faszinierend, schutzbedürftig

Gelbe oder braune Blätter

Was die Anthurie braucht, um wieder frisch zu wirken

Sauerstoff für die Tiere

So verhindern Sie das Zufrieren Ihres Gartenteiches

Do it yourself

Holz trifft auf Beton: Gartenbank selber bauen

Kräuter

Winterkresse sorgt für Würze

Alpenveilchen

Beliebte Winterblüher

Wassergarten

Vor Frost schützen

Geldbaum

Licht ist im Winter Mangelware

Was Büropflanzen über ihre Kollegen verraten

Zeig mir deine Blumen und ich sag dir, wer du bist!

Stimmt der Platz?

Topfgrün im Winterquartier:Warum vergeilen Pflanzen?

Stunde der Wintervögel

Fettes Futter lockt neugierige Vögel in den Garten