Aufnahmestopp in Praxen

Freie Termine beim Kinderarzt sind im Nordwesten Mangelware

Im Nordwesten - Die Gesundheit des Kindes gehört zu den zahlreichen Unsicherheiten, die Eltern tagtäglich erleben: Gehört die Wunde, die rote Stelle, die Schwellung, das Husten, der Ausschlag, der Schmerz im Bein in die Kategorie „Mal abwarten, wird morgen wieder besser“ oder eher „Lass uns mal lieber einen Arzt fragen“? Kleine Wehwechen und große medizinische Probleme zu unterscheiden, braucht manchmal den Blick von Experten. Doch was, wenn diese keine Zeit für das Kind haben? Wenn die Terminkalender voll sind?

Kinderarztmangel in Oldenburg

Auch im Nordwesten wird es zunehmend schwer, von Kinderärztinnen und -ärzten behandelt bzw. untersucht zu werden. Gesche und Johannes Weishaupt, zum Beispiel, sind Anfang des Jahres von Münster nach Oldenburg gezogen. Ihr damals sieben Monate alter Sohn muss, wie alle anderen Kleinkinder auch, regelmäßige Untersuchungstermine wahrnehmen. Doch: „Mir wurde immer wieder gesagt, dass es einen Aufnahmestopp gibt“, sagt Gesche Weishaupt. Die Kassenärztliche Vereinigung (KVN) verweist in solchen Fällen auf den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Telefon 116 oder 117) oder den Hausarzt. Doch die Praxen der so vermittelten Ärzte sind teilweise weit weg.

Dabei liegt der Versorgungsgrad im Bereich der Kinderärzte in Oldenburg laut KVN bei guten 152,4 Prozent. Da seien allerdings auch spezialisierte Ärzte enthalten, die sich nicht um die Grundversorgung kümmern. Außerdem seien viele Kinderärzte mit immer mehr chronisch kranken Kinder oder Kindern mit auffälligem Verhalten, Entwicklungs- oder Sprachproblemen beschäftigt. Und es fehle an Nachwuchs: Das Durchschnittsalter der Vertragsärzte liegt bei rund 55 Jahren. „Es braucht mehr Medizinstudienplätze“, sagt Dr. Sainab Egloffstein, Geschäftsführerin der KVN-Bezirksstelle Oldenburg.

Kinderarztmangel im Landkreis Oldenburg

In Hude nimmt die Kinderarztpraxis Neugeborene und Zugezogene mit kleineren Kindern noch auf – Wechsler aus anderen Praxen der Region jedoch nicht. Dafür müssten die – vor allem Kolleginnen – jedoch an die Belastungsgrenzen gehen. „Der gesamte soziale und medizinische Bereich ist sehr weiblich – in Corona-Zeiten sind in etwa 85 Prozent der Fälle die Mütter zuhause geblieben“, sagt Carsten Vocke von der Praxis. „Wir haben hier Rückschritte in die 80er-Jahre erlebt, was zu Lasten der Familien, aber auch der Jobs der Mütter geht.“

Auch in der Gemeinschaftspraxis Mullstraße in Harpstedt werden Aufnahmestopps nicht ganz so rigoros gehandhabt: Ukrainische Familien werden zum Beispiel noch aufgenommen, obwohl eigentlich nur Platz für Familien aus dem Flecken Harpstedt wäre. Zu den Belastungen der Praxen kommen zusätzliche Aufgaben, die auch mit dem Fachkräftemangel an anderer Stelle zu tun haben, sagt Uta Pape: „Allgemeine Themen, die Eltern sonst mit Hebammen besprechen könnten, werden nun zum Kinderarzt gebracht.“

Kinderarztmangel in Friesland

Ähnliche Erfahrungen bei der Terminsuche machte Anna Thimme aus Varel. Sie ist samt Familie inklusive Baby und dreijährigem Kind im März aus Düsseldorf in den Norden gezogen. Auch sie erfuhr bei Kinderärzten vom großen Andrang und einem Aufnahmestopp. Als ihr Sohn einen akuten Ausschlag um den Mund hatte, bekam sie über die 116/117 einen Termin in Wiesmoor – anderthalb Wochen später. Erst nach weiterem Nachhaken wurde ihr Sohn als Notfall eingestuft und konnte in Varel behandelt werden. Laut KVN liegt der Versorgungsgrad in Friesland bei 133 Prozent.

Immer weniger junge Ärzte wagen den Schritt in die Niederlassung, nicht nur in Friesland. Die älteren gehen in den Ruhestand – teilweise mit 80 Jahren, wie Kinderarzt Dr. Klaus Bode aus Jever. Er schließt seine Praxis am 30. Juni nach 48 Jahren. Und auch hier fehlt eine Nachfolge. Ebenso wie in Wilhelmshaven, wo die Stadt ein Startkapital von 50.000 Euro ausgelobt hat. „Der Beruf als Kinderarzt ist keine medizinische Fachrichtung, die in den oberen Gehaltsstufen mitspielt“, sagt Bode. „Da gibt es andere Fachbereiche, in denen man deutlich mehr verdienen kann.“

Kinderarztmangel in der Wesermarsch

In der Wesermarsch sieht der Versorgungsgrad ganz anders aus: Hier liegt die Quote bei 80,6 Prozent – eine Unterversorgung. „1,5 Kinderärzte könnten sich in der Wesermarsch also ad hoc niederlassen“, erklärt ein Sprecher der KVN. Das Problem: Angehende Mediziner scheinen darauf überhaupt keine Lust zu haben. Der Beruf scheint nicht attraktiv genug zu sein. 

Der KVN-Sprecher geht davon aus, dass Eltern und Kinder in Zukunft noch längere Wartezeiten und weitere Wege zur nächsten Praxis auf sich nehmen müssen. Und die Zeit der Kinderärzte ist in den vergangenen Jahren auch knapper geworden: Die Anzahl der Vorsorgeuntersuchungen hat sich seit der Einführung 1971 von acht auf nun 14 erhöht. Und die Zahl der empfohlenen Impfungen hat sich in drei Jahrzehnten fast verdoppelt.

Kinderarztmangel: Ein Lösungsansatz

Dr. Rupert Dernick aus Varel klagt ebenso über zu viel Arbeit, er schiebt sogar Samstagsschichten. Dass der Versorgungsgrad oft gut aussieht und die Praxen dennoch aus allen Nähten platzen, liege an veralteten Bedarfsplänen – „da traut sich kein Politiker ran“, glaubt Dernick.

Um seine Berufsgruppe zu entlasten, empfiehlt Dernick ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) in der Region zu gründen. Ein SPZ bündelt ambulante Angebote zur Versorgung auffälliger Kinder. Die Gesundheitsregion Jade Weser habe dazu bereits einen Arbeitskreis gegründet, sagt der Kinderarzt. Widerstand gebe es jedoch seitens der Krankenkassen.

Die Zeit drängt: Ausgiebige Untersuchungen von Kindern seien wichtig, auch um die Folgen belastender Kindheitserinnerungen zu mindern, zum Beispiel emotionale oder körperliche Misshandlung , das Miterleben einer Scheidung oder häuslicher Gewalt. Unerkannt führten diese Erfahrungen schlimmstenfalls zu Schulabbrüchen und chronischen Krankheiten im Erwachsenenalter, mahnt Dernick. Und: „Die Belastungen nehmen zu.“

 

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